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docpoker blog

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Wenn man nur lange genug Poker spielt, wird man wahrscheinlich alles erleben, was technisch möglich ist. Da ich ziemlich lange dabei bin, dachte ich, dass ich schon fast alles erlebt habe – bis heute. Gleich zwei Premieren gab es für mich zu bestaunen, die schließlich zu einer ziemlichen Achterbahnfahrt durch den ersten Tag des EPT-Events führten.

Barcelona ist extrem beliebt in der Pokergemeinde, trotz der chaotischen Zustände im Gran Casino und trotz des astronomischen Rakes von mittlerweile 40 € Maximum pro Pot. Um jeglichem Stress hinsichtlich meiner Teilnahme am Turnier auszuweichen, hatte ich das Buy-in schon vor vier Wochen überwiesen und mir als Starttag 1A gewünscht. Für den wünschenswerten Fall, dass ich den ersten Tag überleben sollte, waren also noch mal 36 Stunden Pause vorgesehen, bevor es so richtig ums Eingemachte und einen mehrere Millionen Euro schweren Preispool gehen sollte.

Nahezu pünktlich starteten wir um 14 Uhr mit 292 Spielern. Nach einer Warmlaufphase von rund 60 Minuten ging das Turnier für mich auch recht viel versprechend los. Ich gewinne mehrere ansehnliche Pots im Lauf der ersten fünf Stunden und finde mich etwa gegen 19 Uhr mit knapp 35.000 Chips im erlauchten Kreis der Chipleader wieder. Dann kommt es zur ersten Premiere: UTG openraise ich mit bei Blinds von 150/300 auf 950. Ich gebe zu, dass ich es nicht ungern gesehen habe, als mein linker Nachbar direkt mit 5.000 All-in geht. Sein linker Nachbar wiederum überlegt geschlagene 20 Sekunden und geht dann ebenfalls mit ca. 15.000 All-in. Zugegeben, als dann der Button auch noch mit den Worten: „Let’s gamble!“ All-in geht, fällt mir schon ein wenig die Farbe aus dem Gesicht. Natürlich calle ich, obwohl mir klar ist, dass ich schon etwas Glück benötigen würde, um am River als Sieger dazustehen. Meine Kontrahenten zeigen mit Pocket 5-5, J-J und K-K jeder ein Paar und gegen alle 3 Hände zusammen habe ich gerade mal 51 Prozent, es spielt sich also für mich de facto wie ein Coinflip. Aber die Asse halten tatsächlich und plötzlich bin ich mit weit über 60.000 der Chipleader des Turniers.

Zunächst passiert nicht mehr allzu viel, ich muss ein paar Raises preflop gegen kräftige Reraises aufgeben, verliere noch mal einen größeren Pot mit einem gefloppten Drilling gegen den geturnten Nutsflush und halte nur noch 45.000, als es zu folgender Begegnung und damit zur zweiten Premiere kommt. 15 Minuten vor dem Ende von Tag 1, bei Blinds von 300/600 und 75 Ante, limpt Chad Brown UTG ein. Alle folden zu mir im Small Blind und ich finde . Chad ist einer jener Kandidaten, die sehr gerne limpen und bei einem Raise mit einem deutlichen Reraise antworten, also fülle ich nur auf, während der Big Blind checkt. Im Flop kommt . Chad macht in Position fast immer eine Continuation Bet, also checke ich mit der Intention eines Checkraises, aber sowohl der BB als auch Chad checken behind. Am Turn kommt der . Jetzt wird mir das Board doch etwas zu drawlastig, also spiele ich 2.000 an. Der Big Blind antwortet mit einem Raise auf 5.000. Ich konnte ihn schon eine geraume Zeit beobachten und hatte ihn schon relativ früh mit dem Attribut „Napoleon.Syndrom“ versehen. Ein jugendlicher Südländer, von ungemein kleiner Körperstatur und mit einem grenzenlosen Selbstbewusstsein ausgestattet, das in krassem Widerspruch zu seinen tatsächlichen Pokerfähigkeiten steht, nutzte er jede sich bietende Gelegenheit zu untermauern, dass er tatsächlich der Größte ist.

Nach Chads Fold calle ich nur, um bei einer harmlosen Karte einen Bluff am River zu induzieren. Der River ist mit der tatsächlich ziemlich harmlos. Ich checke und er annonciert direkt All-in. Eigentlich bestätigt mich sein viel zu schnelles All-in nur in der Annahme, dass er „Luft“ hat.  Zur Sicherheit gehe ich aber nochmals in Gedanken die Hand Schritt für Schritt durch und bitte den Dealer mit dem Wort „Count“ um ein Abzählen seiner Chips. Mein Gegner hat offensichtlich „Call“ verstanden und dreht blitzartig zur Hälfte seine Karten um. Der Dealer schreit noch: „No, no only count, no call!“ und mein Gegner dreht die Karten wieder zurück. Während die andere Seite des Tisches alles sehen konnte, erhaschte ich nur einen Blick auf die , die zweite Karte war für mich nicht zu sehen. So langsam wird mir mulmig. Hat er tatsächlich 10-9 gespielt und die Straight geturnt? Der bereits vorprogrammierte, glasklare Call, erscheint mir plötzlich doch ziemlich wackelig. 13.000 müsste ich noch bringen. Die Geschwindigkeit seines Showdown-Versuches gibt am Ende den Ausschlag: Ich folde meine Hand. Als sie im Muck liegt, fragt mich Chad: „Konntest du nicht seine Pocket 9-9 schlagen?“ Mich trifft fast der Schlag. Seine zweite, für mich unsichtbare Karte war ebenfalls eine 9! Nur im Zusammenspiel dieser speziellen, völlig ungewöhnlichen Ereignisabfolge war es für „Klein Napoleon“ möglich, die Hand zu gewinnen. Am Liebsten würde ich im Boden versinken. 63.000 Chips könnten wieder vor mir stehen, stattdessen sind es gerade mal 39.400.

Ich bin heilfroh, als der Tag 1 keine 10 Minuten später zu Ende geht und ich einen ganzen Tag Zeit habe, mich mental auf die Fortsetzung des Turniers einzustimmen. Bei näherer Betrachtung sind 39.400 auch nicht so schlecht, immerhin 10.000 mehr, als der Average besitzt.

Euer Michael

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