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/Sep/2007

WSOP Europe – Ein paar Nachgedanken

Von: docpoker @ 16:34 (CEST) / 6397 / Kommentar ( 47 )

In meinem Terminkalender stand heute normalerweise Tag 2 des Main Events als Tagesaufgabe. Stattdessen habe ich aber das beengte Hotelzimmer in London schon wieder geräumt und bin zuhause im Taunus. Den Rückflug umzubuchen war eher eine organisatorische Formalität nach meinem Ausscheiden am Abend von Tag 1, zumal die Cashgames am Rande der Veranstaltung eher unregelmäßig zustande kamen und vom Value her nicht unbedingt das Prädikat „lukrativer Fishpool“ verdienten.

Normalerweise ist die Struktur des Hauptturniers genau so angelegt, wie ich es liebe. Ein deep staked Turnier mit 20.000 Startchips, der erste Blindlevel startet mit 50/100 und die einzelnen Levels dauern ganze zwei Stunden. Ein echter Marathon also und ich bin ein Langstreckenläufer, nicht ein Sprinter. Ziel bei einem derartigen Turnier ist es nicht unbedingt, am Ende des ersten Tages unter den Chipleadern zu sein, sondern irgendwie zu überleben. Wenn man nach der letzten Hand noch genauso viele Chips hat wie zu Beginn, ist das auch kein Beinbruch. Stacks werden erst viel später aufgebaut. Das Turnier wurde zeitgleich in drei verschiedenen Londoner Casinos gestartet und ich musste im „Fifthy“, ein altehrwürdiges Casino direkt neben dem Nobelhotel Ritz gelegen, antreten. An meinem Tisch nahm unter anderem mir gegenüber Eric Seidel Platz, zwei Plätze rechts von mir der Finne Thomas Wahlroos und direkt links neben mir Niki „Kai Buxxe“ Jedlicka, mit dem ich auch in Barcelona den ersten Tag zusammen an einem Tisch verbrachte. Drei Onlinequalifikanten waren auch in unserer Erstbesetzung zu finden, wobei zwei davon einen recht tighten Eindruck machten. Das „Problem“ war ein junger Finne, der offensichtlich über so gut wie keine Liveerfahrung verfügte, dafür aber den festen Vorsatz hatte, so gut wie alle Moves, über die er mal in irgendwelchen Lehrbüchern oder Foren gelesen hatte, möglichst zügig vorzuführen. Schon nach zehn Minuten kommen wir uns ins Gehege. Ich raise in mittlerer Position mit auf 350. Er will offensichtlich callen, vergreift sich aber bei der Nomination der Chips und wirft stattdessen drei Tausender in die Mitte. Reraise auf 3.050! Eric Seidel fängt zu Lachen an und fragt ihn, ob er das wirklich ernst meint. Daraufhin versteift sich der gesamte Oberkörper des Finnen, sein Gesicht läuft hochrot an, aber er gibt keinen Ton von sich. Alle folden zu mir und ich habe die erste echte Entscheidung. Ich weiß, dass er sich vertan hat, aber wie würde er reagieren, wenn ich ihm entsprechend antworte? Ein Call kam für mich auf keinen Fall in Frage, da er Position auf mich hat. Ich könnte entweder pushen oder folden. Da er mir emotional ziemlich angekratzt erscheint, besteht für mich die hohe Wahrscheinlichkeit, dass er auf ein Reraise hin alleine aus Trotz seine Hand nicht aufgeben würde. In dieser Turnierphase will ich aber keinen Coinflip und auch keine 60:40 Chance für mein gesamtes Stack eingehen. Also entschließe ich mich, ihm die 300 Chips zu schenken und gebe die Hand auf. Eine Stunde später hätte ich vermutlich anders entschieden. In einigen Showdowns wurden uns bis dahin die Fetzen präsentiert, mit denen er Eröffnungsraises gecallt hatte.

In den folgenden 2 Stunden kann ich einige Blinds einsammeln und einige Pots am Flop oder Turn für mich entscheiden und besitze am Ende des ersten Levels ca. 24.000 an Chips. Die Pause ist bereits eingeläutet und Thomas Wahlroos raist die letzte Hand, als einige Tischkollegen bereits aufgestanden sind. Ich finde am Button und entschließe mich, für seine geforderten 300 wenigstens den Flop anzusehen. Es kommt . Thomas macht seine obligatorische continuation bet von 600 und ich raise gleich auf 1.700 mit meinem Flushdraw. Thomas zahlt nach, zeigt dabei aber relativ viel Unsicherheit. Da er mit allen möglichen Kartenkombinationen raist, halte ich den König in seiner Hand für unwahrscheinlich und will gleichzeitig von meinem tighten Image profitierten. Also spiele ich auf den blanken Turn hin nach seinem Check nochmals 2.500 an. Thomas callt nach einer Minute. Am River kommt die und Thomas checkt wieder ziemlich unsicher. Im Pot sind mittlerweile 9.150 und ich will ihn nicht einfach so aufgeben. Ich bin mir sicher, dass er foldet, zumal er nur noch 7.000 an Chips hat. Also spiele ich 6.000 an. Thomas callt nach drei Minuten und dreht um. Mit meinem Move habe ich genau 10.000 Chips versemmelt. Wie war das doch gleich mit dem tighten Vorsatz?

Nach der Pause halte ich mich dann wirklich zurück und überstehe die nächsten 2 Stunden ohne irgendwelche Veränderungen in meinem Chipcount. Eine Stunde sind etwa im dritten Level bei 100/200 Blinds und 25 Ante gespielt, als alle zu mir im Small Blind folden. Ich finde und mache ein Raise auf 600 zu Niki, der im Big Blind sitzt. Eigentlich will ich ein Call. Niki tut mir den Gefallen und bei einem Flop von spiele ich eine Conti-Bet von 1.100. Niki zahlt und ich bin zufrieden. Der Turn bringt die , ich setze jetzt 2.500. Niki zahlt erneut und das gefällt mir nicht mehr ganz so gut. Am River paart sich die 6, ich checke. Niki spielt 4.400 an und zeitgleich mit meinem obligatorischen Call drehe ich meine Könige um. Oh, da habe ich ja einen schönen Suckout produziert, meint Niki und zeigt mir . Etwas demoralisiert blicke ich auf meine verbliebenen 6.900 an Chips und bin nicht mehr ganz so optimistisch, was das Erreichen des zweiten Tages betrifft.

Nur 10 Hände später ist dann wirklich Schicht im Schacht für mich. Aber das Spiel selbst war genauso kompliziert wie spektakulär und deshalb beschreibe ich es auch ausführlich. Eric Seidel limpt UTG+1 ein. Das löst eine Flut von Folgecalls aus und jeder zahlt bis zu mir am Button die 200 nach. Ich finde und will eigentlich ordentlich raisen. Aber dann besinne ich mich auf meinen finnischen Freund im Big Blind, der diesen Job mit Sicherheit für mich erledigen wird, schließlich hatte er es ja so gelernt. Also calle ich ebenfalls nur und tatsächlich macht er mir die Freude und raist auf 1.300. Jetzt kann ich in Ruhe sehen, wie stark die anderen tatsächlich sind, ohne selbst viele Chips zu investieren. Auch meine Mitspieler haben den Finnen mittlerweile durchschaut und so callen Eric und ein weiterer Engländer gelassen das Raise. Ich könnte jetzt am Button natürlich ein wunderbares Squeeze Play versuchen, aber dafür reichen erstens meine Chips nicht mehr aus und zweitens wird der Finne garantiert nicht folden, so dass die anderen zwei vernünftige Pot-odds bekommen, um ebenfalls nachzuzahlen. Dafür ist aber die innere Stärke von AJ offsuit einfach nicht gut genug. Also zahle ich auch nur die 1.100 nach. Sollte ich den Flop komplett verpassen, hätte ich mit meinen verbliebenen Chips meine ohnehin kleinen Chancen auf den Turnierverbleib nur unwesentlich geschmälert, mir aber noch einen wichtigen Notausgang offen gelassen. Der Flop bringt und als alle zu mir checken, gibt es nur einen Move: Mit dem Flushdraw und zwei Overcards gehe ich all-in. Der Finne muckt seine Hand und Eric callt die 5.500 nach einigem Überlegen, während der Engländer ebenfalls muckt. Im Pot sind jetzt 16.900. Sollte ich die Hand gewinnen, wäre ich wieder voll im Spiel. Meine Chancen sinken exakt auf 0 Prozent, als Eric seine Karten umdreht: Mit hat er einen Straight Flush geflopt. Ich sage noch zum Dealer: „Komm, drehe noch ein Pik um, damit ich mich richtig schlecht fühlen kann.“ Er tut mir den Gefallen und die am River macht mir zwar den As hoch Flush, ändert aber nichts daran, dass ich schon auf dem Flop drawing dead war.

Keine 45 Minuten später hatte ich schon meinen Rückflug auf den nächsten Morgen vorverlegt. Als ich im Empire Casino meine restlichen britischen Pfund in Euro zurück tauschen will, kommt mir Niki entgegen. „Wie, bist Du auch raus?“, frage ich ihn. „Ja, der Finne…“, antwortet Niki, „was der für ein Kartenglück hat!“

Euer Michael

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