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katjathater blog

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/Aug/2009

Schnall Dich an, Gladiator.

Von: katjathater @ 12:35 (CEST) / 11298 / Kommentar ( 69 )

Noch etwas mit Jetlag beschäftigt fliege ich nach schnellem Kofferwechsel zu einem Einladungsturnier nach Nîmes in Südfrankreich. Was für ein Kulturwechsel: Hier ist nichts nachgestellt und auf Historie getrimmt wie in Las Vegas, sondern alles riecht und schmeckt naturelle. Die Sonne brennt, die Luft ist stickig und die Vögel in den Bäumen piepsen sogar ohne Batterie. Das Klima ist Maracuja-Split-tropisch-feucht, so dass meine Haare binnen Sekunden zu einer Kylie Minouge Frisur aus en 80-ern mutieren.

Der Fahrer, der mich vom Flughafen Marseille nach Nîmes bringen wird, wartet mit einem Schild am Ausgang. Er spricht wie jeder volkstreue Republikaner kein Englisch und ich kein Französisch, seit ich es in der 8. Klasse abgewählt habe. Eine sehr gute Basis für ruhige 120 km.

Bevor wir losfahren macht er mir per Handzeichen klar, dass ich mich auf der Rückbank anzuschnallen habe. In französischen Taxis sitzt man grundsätzlich hinten; Auf dem Beifahrersitz ungefragt Platz zu nehmen kommt einer mittelschweren Beleidigung gleich. So hat jedes Land seine eigenen Benimmregeln. So manch einer hat sich schon unbedarft in die Nesseln gesetzt, weil er mit den landesüblichen Gepflogenheiten nicht vertraut war. Vielleicht sollte mal jemand einen, eigens für Pokerspieler geeigneten, Reiseführer  herausgeben. Sozusagen einen "Per Anhalter durch die Turnier-Galaxis".

 

Wir passieren zuerst malerische Landstraßen, sie so schön sind, als wäre Gauguin der Tuschkasten umgekippt. Die Zypressen am Wegesrand ragen wie stolze Obelisken in den Himmel, die Luft flirrt bunt und süßlich, ich habe das Fenster auf und höre Musik. Nur mein Anschnallgurt schnürt mir die Luft ab und ich fummle unaufhörlich daran herum. Ich bin angenehm müde und genieße mit halbem Auge die vorbeiziehende Landschaft, als wir in der Abenddämmerung auf die Autobahn in Richtung Nîmes abbiegen.

Die friedliche Stimmung wird durch eine plötzliche Vollbremsung unterbrochen. In der Schrecksekunde des Halbschlafs sehe ich, dass der Fahrer ohne erdenklichen Grund das Taxi auf den Standstreifen der Autobahn gelenkt hat.

Er springt aus seiner Tür.

In Windeseile ist er um das Fahrzeug herumgerannt, reißt nun die Meinige auf und steht vor mir: Groß, bedrohlich und sehr französisch. Er fummelt an seiner Hose herum und zieht etwas kleines, längliches Schwarzes heraus. Herrje, das auch noch!

Mir schießt sofort Marcus Golsers Überfallstory durch den Kopf und zu allem Leid noch das ein oder andere mehr. Ok prima, ich wollte schon immer tot oder halbtot in der Provence liegen. Mein Kadaver wird den naheliegenden Weinbergen bestimmt eine besondere Note verleihen. Chateau Le Thil, Grande Cuvee Cadavre Katja 2009.

Noch bevor ich lange überlegen kann, wie ich diesem Schicksal doch noch entgehe, schnappt es auch schon hörbar an meinem Hals zu. Ich warte auf mein warmes, dickes Blut, welches mir nun den Kragen herunter rinnen wird. In französischen Filmen gibt es ja nie ein gutes Ende.

Ich mache mein zweites Auge auf. Das bedrohliche Werkzeug entpuppt sich als Regulierungsclip für den Sicherheitsgurt, den der Fahrer in Sekundenschnelle in der Höhe meines Halses befestigt hat.

 

Sehr aufmerksam. Sehr französisch. Jetzt bin ich wach.

Im Hotel angekommen treffe ich auf das Produktionsteam und Marcel Luske, der schon in der Lobby die ersten Interviews für Canal+ gibt. Ich frage nach dem Ablauf, wann und wo wir drehen, wie die Struktur ist, um was es geht und wer noch alles kommt.

Das Konzept sieht wie folgt aus: Es sollen 3 einzelne 6-max NLHE SNG´s gespielt werden. An einem Tisch sitzen die PS Team Pros: Chad Brown, Dario Mineri, Luca Pagano, Marcel Luske, ich und Jan Boubli. Der zweite Tisch besteht aus Online-Qualifikanten und der Ditte aus französischen Celebrities.

Aus diesen SNG´s gehen jeweils 2 Sieger hervor, die sich dann zu einem Finaltisch wiedertreffen. Nur der Gewinner dieses Finaltischs bekommt einen Preis:  EUR 100.000, sowie einen Startplatz in Monte Carlo beim Grand Final 2010.

„Wir drehen morgen Abend um 22h, Maske und Shooting ab 18.00h. Vorher ist es ja nicht dunkel genug.“

Dunkel genug? Seit wann gibt’s im Studio kein Licht? Ich dachte immer, ich sei die einzige, die die Stromrechnung nicht bezahlt. „Oh, you didn´t know that? We will shoot in the Roman Amphitheater of Nîmes.“ Marcel guckt. Ich auch. Eine der größten Stärken der beteiligten Verantwortlichen ist wie so oft K-o-m-m-u-n-i-k-a-t-i-o-n. Zum Glück heißen wir alle mit 2. Vornamen „Flexible“, machen noch eine kurze Besprechung, verabreden uns zum Frühstück und gehen auf unsere Zimmer.


<font size="1">Noch ist alles friedlich</font>

Am nächsten Morgen, also eigentlich Mittag, schlendern Marcel und ich mit gemopsten Kaffeebechern aus dem Hotel durch Nîmes. Es ist eine typische südfranzösische Kleinstadt mit reizenden Straßencafes, historisch abmarschierten Straßen und Menschen mit echten Gesichtern. Unterwegs treffen wir Luca Pagano, der ebenfalls mit einem Kaffeebecher und seiner Freundin unterwegs ist. „Das müsst ihr Euch ansehen! Wir waren gerade in der Arena.“

Na ja, am Nachmittag sah das noch so aus:


<font size="1">Französische Gelassenheit kurz vor Drehbeginn</font>

Arena. Ich wusste es: Pokerspieler sind die eigentlichen Gladiatoren der Neuzeit. Kämpfer, die in öffentlichen Schaustellungen zum Vergnügen des Volkes gegeneinander antreten. Und das will bekanntlich Blut sehen, damals – genauso wie heute. „Iugula! Iugula! Iugula!“. ist ja in etwa gleichzusetzen mit „All-in! All-in! All-in!“ Also besser den Bad Beat Helm aufsetzen, die Rüstung polieren und die Asse vorher füttern.

Um 6 treffen sich alle auf dem Set, wo schon von fröhlichen Maskenbildnern ein leckerer Rose ausgeschenkt wird. Marcel entscheidet sich für Whisky. Kombiniert mit kollektivem Jetlag handeln wir vorher unter uns einen Deal aus. Schlaue Idee, den ein SNG in der Zusammensetzung ist eindeutig für niemanden +EV. Außerdem macht es auch ein wenig mehr Spaß ein zusätzliches Pony im Rennen zu haben. Doch bevor wir verkabelt an den Tisch kommen gibt es noch 1 Stunde Footage Material abzuknipsen und zu filmen. Wir postieren uns vor der malerischen Arena auf dem Vorplatz und folgen den noch so abstrusen Anweisungen des Kameramannes. Der herumstreunende Hund, der sich dekorativ im Hintergrund auf dem Platz mehrfach erleichtert wird vermutlich rausgeschnitten, falls nicht: Amusez-vous bien!

Das Wetter wird schlechter. Um nicht zu sagen: Wir schauen in Richtung Himmel und denken uns unseren Teil. Schwarze Wolken, Wind, Temperatursturz und bedrohliche Geräusche. „Daas iih-st sähr un-ge-wöhhn-liie-sch führ dii-sö Jaahröös-seid…“ Die Produktionsfirma gerät ins Schwitzen, alles ist Open-Air und wir sind ja nicht im Wimbledon-Station, wo alles binnen Sekunden regensicher abgedeckt werden kann. Es wird vorsichtshalber noch eine Runde Rose ausgeschenkt.

Eine weitere klitzekleine Katastrophe bahnt sich an: Vanessa Rousso, die die Sendung co-moderieren soll, ist sterbenskrank. Fieser Jetlag mit schwerem grippalem Infekt. Kopf leer - Stimme weg. Keine guten Voraussetzungen für eine TV-Sendung. Sämtliche legale Drogen werden in sie hineingepumpt, in der Hoffnung sie übersteht die teuren Drehstunden. Chad erzählt derweil eine Story, wie er sich mal während eines wichtigen Turniers selbst therapiert hat. Im Dinnerbreak hat er sich von einem Freund ein Auto + Jogginganzug + Handtuch bringen lassen, sich in die Karre gesetzt, den Frotteeanzug angezogen und die Heizung auf Maximum gedreht. Eine Stunde mobile Sauna sozusagen. Er sagt, es funktioniert.

Wie auch immer die Produktionsfirma das mit Vanessa hinbekommen hat, mit kaum 2 Stunden Verspätung geht es gegen Mitternacht los. Wir sind jetzt mehr als 14 Stunden auf den Beinen und haben noch ca. fünf Stunden Dreh für den ersten Teil vor uns. Die gestrige Aussage „Wir drehen spät, vorher ist es ja nicht dunkel genug“ lässt mich schmunzeln. Wir müssen also spätestens mit dem Sonnenaufgang alle „Iugula“ sein?!

 

<font size="2">Bis einer heult...</font>

Wir schwenken um. Von Rose auf Glühwein, heißen Instant-Kaffee und Tee. Marcel bleibt bei Whisky. Wolldecken werden gereicht. Unsere Lippen sind, ohne Scherz, blau. Die Hände zittern. Alle wünschen sich Chad´s Auto mit der Heizung. Ich bin wirklich auf die Ausstrahlung bei canal+ gespannt. Wie erklären die unsere Wolldecken bzw. Bettlaken? Wir sehen wahrscheinlich aus, als würden wir uns statt zu einem Pokerspiel zu einer Kutschfahrt in Sibirien verabredet haben. Wie befürchtet, unser Tisch zieht sich hin. Wir kennen uns alle viel zu gut, als dass irgendjemand mit einer wirklichen Überraschung lauern könnte. Insofern finde ich das Format etwas unspannend. Es geht ein bisschen links und rechts, wir machen ein paar nette Sprüche und Spielzüge, die Außenstehende wahrscheinlich gar nicht nachvollziehen können. Marcel hat diesmal Position auf mich und grinst schon, weil er Rache für Amsterdam einfordert. Das gelingt ihm auch ein kleines Stück weit, als ich auf dem Button den obligatorischen Standard-Raise mache. Ich habe diesmal wirklich eine Hand. Er callt mich als einziger im SB. Wahrscheinlich mit any two, nur um mich endlich in eine Hand verwickeln zu können. Wir sind noch deep zu diesem Zeitpunkt, so dass wir normal bis zum River durchspielen können, ohne dass sofort einer short ist. Den Ausgang erzähl ich nicht, aber das Board kommt 2-3-5 -4- A.

Nur Dario zieht sich seinen Schal ins Gesicht und spielt Hau-Ruck-Poker. Wahrscheinlich hat er kalte Füße, schließlich ist er frisch verheiratet und seine Frau wartet sehnsüchtig in der Schweiz. Er halbiert auch gleich seinen Stack und verteilt ihn großzügig am Tisch. Einmal versuche ich ihn mit Top Pair auf dem Flop zu checkraisen. Leider ist er mit mir vorsichtig und mein Plan geht nicht auf, so dass ich nach einer dummen Turnkarte wirklich checken muss. Luca fragt schon, was ich ihm in den Tee getan habe.

Stunden später sind wir dann endlich im „Hau rein die Kekse, Katja“-Modus, wie neulich ein Online Observer treffend formulierte. Ab jetzt spritzt das angeforderte Blut für die Zuschauer. Die Suck-outs sind so offensichtlich, dass es uns immer wieder schwer fällt anschließend mit Überzeugung im TV von „Poker ist kein Glücksspiel“ zu sprechen. Vielleicht richtet es ja der Schneideraum, wär ja nicht das erste Mal.

Wir glauben es kaum, noch bevor die Vampire ihre Ray-Bans aufsetzen müssen, sind wir im Bett. Die Kulisse steht noch, die Technik ist trotz Sturm heil geblieben und niemand hat eine Lungenentzündung angemeldet.

Ich schlafe schlecht bis gar nicht. Mein Rhythmus ist jetzt vollends durcheinander. Zu den minus 9 Stunden USA kommen jetzt noch minus 5 Stunden zu spät ins Bett. Aber minus x minus gibt ja bekanntlich plus. 

Oder ich bleibe einfach wach, bis die 24 Stunden voll sind. Gladiatoren schlafen schließlich auch nicht.

 

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