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minraise blog

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/Mär/2010

Gewinnen will gelernt sein

Von: minraise @ 10:54 (CET) / 5216 / Kommentar ( 9 )

Verlieren können die wenigsten wirklich richtig gut - und ich oute mich: Bin ein schlechter Verlierer. Schon immer gewesen. Ein Gamer von Herzen und Kindesbeinen an kann eben eine verlorene Partie nicht einfach so wegstecken. Bei jedem Spiel wird der Ehrgeiz neu entfacht und eine verlorene Partie kratzt trotzdem immer noch ein wenig am Ego. Als Pokerspieler muss man natürlich gewzungenermaßen irgendwann lernen, zu verlieren, weil es zum Alltag zwischen Coolern, Suckouts und Setups dazu gehört. Wer sein Ego nicht an der Tür lassen kann, dem wird Poker nicht gefallen.  

Aber jetzt mal andersherum gefragt: Was ist eigentlich mit Gewinnen? Wenn es den "schlechten Verlierer" gibt, gibt es dann auch den "schlechten Gewinner"? Über das Gewinnen redet selten jemand - das ist selbstverständlich. Über das Verlieren, das Tilten und die psychologische Komponente bzw. den Umgang mit der bösen Seite der Varianz gibt es zu Hauf Literatur, Artikel und Tipps in Foren oder Blogposts. Kaum einer hat aber mal etwas über die Gewinner geschrieben. Die psychologischen Faktoren hinter dem Denken, dem Befinden und damit dem Handeln des "Gewinners". Wie ein weiser Poker-Kollege von mir zu sagen pflegt: "Im Lauf rauf!" - das Sprichwort brigt natürlich viel Wahrheit. Wenn es gut läuft, wenn alle Draws eintreffen, wenn jeder Flop ein Monster bringt, wenn jeder Bluff funktioniert, dann gebietet einem die Logik, dass man unbedingt weiterspielen muss - denn solange nichts gegenteiliges passiert, kann man ja nur noch mehr gewinnen. Das Selbstbewusstsein wächst mit jedem gewonnenen Pot, man spielt mit einer befreiten Selbstverständlichkeit. Soweit, sogut.

Meine Gedanken über Poker nehmen manchmal ungewöhnliche Wege, und so ist es auch bei dieser Thematik nicht anders gewesen. Ich bin hingegangen und hab mich gefragt: Wenn ich nun mir selbst schon nachgewiesen habe, ein schlechter Verlierer zu sein, bin ich dann auch ein schlechter Gewinner? Dazu sind mir zwei Hände, sowohl online als auch live, eingefallen, die symptomatisch sind für einige psychologische Entwicklungen, die stattfinden, sobald man das Gewinnen anfängt. Ich habe denen mal einen Namen gegeben, und sie sind für mich persönlich Anzeichen dafür, dass ich die Session trotz (oder eher gerade wegen) großer Gewinne beenden sollte:

Overconfidence

Man könnte auch Übermut sagen. Der gemeine Pokerspieler denglischt halt gerne. Je länger die Phase des Gewinnens andauert, umso selbstbewusster spielt Hero. Da der Flushdraw eh spätestens auf dem River eintrifft und bisher noch jeder Gegner auf die dicke Turnbet gefoldet hat, warum sollte sich das ändern? Man nimmt eine Art natürliche Unverwundbarkeit zur Grundlage jedes Plays und packt dadurch vielleicht sogar Spielzüge aus, die normalerweise gar nicht zum eigenen Repertoire gehören. So ereignete sich z.B. die folgende Hand, die ich mitten in einem Lauf kürzlich während einer der Trainer vs Trainer Challenge Sessions online spielte:

Diese Hand wurde vom Spieler gelöscht
Ich war zu diesem Zeitpunkt, an dem sich die Hand abspielte, bereits 3.5 Stacks im Plus. Normalerweise würde ich bereits am Flop check/fold spielen, oder zumindest am Turn. Allerdings war ich so von meinen bisherigen guten Entscheidungen beflügelt und hab auf meine instinktiven Reads ("er sitzt 100% auf einem Flush- oder Straightdraw") gehört, dass ich den Turn einfach durch geballert habe. Der River ist dann ein klarer Pot Odds Call mit meinem "Read", aber der ist eben erst durch meinen Übermut entstanden. Ein Play, das in diesem Fall gut ging. Ob meine Line +EV war oder nicht, werde ich nicht erfahren. Denn dazu spiele ich eine solche Situation gegen denselben Gegner wohl zu selten, und normalerweise steht das auch nicht auf meinem Programm. Und wer weiss, ob ich nicht auf einmal total abgetilted hätte, wenn er mir am River oder einen gezeigt hätte?

Gewinnfrost

Was für die Verlierer einer Session der Gewinnbrand ist, kann für die Gewinner der Gewinn"frost" werden. Der Terminus ist mir mal beim Bahnfahren eingefallen - passt eigentlich wunderbar auf die Einstellung, die ich beschreiben will. Man "friert" quasi seine Gewinne ein und bleibt auf ihnen sitzen, weil man nun nach einem Lauf eher die Befürchtung hat, dass er zu Ende geht. Typisch menschliche (und sicher nicht logisch korrkte) Denkweise - Ich hatte einen Lauf, jeder Lauf ist irgendwann vorbei und dann geht es bergab. Dadurch vermeidet man Spielzüge, die einen zu marginalen Entscheidungen führen könnten, einfach nur um seine Gewinne und das gute Gefühl der Session zu schützen. Dazu fällt mir spontan eine Hand ein, die ich letzten November im Wynn gespielt habe. Zur Vorgeschichte: Ich hatte an diesem Abend den größten Lauf meines Vegas Aufenthaltes and den $2/$5 NL Tischen. Aces gegen Kings preflop für $500 habe zuerst gehalten, und im Anschluss habe ich einem anderen Deutschen mit einem Combodraw (Top Pair + Flushdraw) am River duch den ankommenden Flush gegen Queens up weitere $400 abgenommen. Mein Stack war enorm tief (~$1400), und so tief saß auch der besagte andere Deutsche am Tisch. Dann ereignete sich eine weitere Hand:

  • Aus früher Position eröffnet ein Spieler auf $20, der Deutsche callt am Button, und ich calle im BB mit . Der Flop bringt mir Trip Jacks mit . Ich checke zum Raiser, um gute relative Position zu nutzen, der checkt aber, und der Deutsche setzt nun $50. Ich calle, weil ein check/raise nun viel zu stark erscheinen würde und der Flushdraw allein mir nicht allzu viele Sorgen macht. Der Raiser foldet, und wir sehen Heads Up den Turn: . Ich checke erneut in der Hoffnung, dass er 66-TT oder einen Flushdraw noch einmal anspielt, und um ggfs. am River noch etwas mehr Value aus Ace high oder einem geriverten Flush/Pair zu bekommen (falls er nur OVercards hält). Er bettet nun $100, und ich gehe für den check/raise auf $300, den er zügig callt. Der River bringt die , und in diesem Augenblick kommt der Gewinnfrost über mich. Ich sehe urplötzlich Monster unter dem Bett und bekomme eine feuchte Windel, weil ich mir ausmale, dass er halten könnte. Der Gedankengang war in etwa so: "Ich hatte einen so krassen Lauf, der hat jetzt bestimmt ein Ende und ich verliere in einem ultra-deepen Pot alle Winnings des Tages (was knapp an die $1K waren)". Er checkt behind und zeigt . What a fail on my part.

Ich sehe und lerne aber vor allem eins durch das Erkennen solcher Strukturen: Den Zeitpunkt, zu dem man eine Session einstellt, weil man einfach nicht mehr sein A-Game bringt - sei es durch Overconfidence oder Gewinnfrost. Und das macht mich (wie wahrscheinlich jeden von uns) ab und an zum "schlechten Gewinner".

In diesem Sinne,
Euer Flix

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