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minraise blog

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/Jul/2010

Hallo, ich bin der Tilt!

Von: minraise @ 16:22 (CEST) / 15 / Kommentar ( 18 )

Eigentlich wollte ich gerade noch weitere 1000 Hände in meiner aktuellen *** Grinding up through the Micros *** Challenge ausgrinden, aber es gab zwei eindeutige Anzeichen, die mir wohl sagen sollten, dass es an der Zeit ist, eine Pause einzulegen. Das erste Anzeichen war der an meinem gesamten Körper herunter triefenende Schweiss, den die Hitze in unserer Dachgeschoss Wohnung hervorgerufen hatte. Hitze lähmt irgendwie, ganz besonders das Gehirn. Und das braucht man bekanntlich dann doch manchmal beim Pokerspielen.

Über das zweite Anzeichen möchte ich aus aktuellem Anlass also in diesem Blog Eintrag schreiben. Ich möchte dafür gar nicht so weit und generalisiert ausholen, sondern vielmehr über meine ganz persönliche Vorstellung vom und Umgang mit "Tilt" schreiben. Vielleicht kann sich der ein oder andere von Euch ja damit auch sehr gut identifizieren, und es hilft Euch, den Tilt besser zu bekämpfen, wenn er mal wieder auftaucht.

Tilt in Zahlen


Als kleine Erinnerung und anschauliche Warnung an alle - mir hat diese Vorstellung immer sehr im Kampf gegen aufkommenden Tilt geholfen:

Angenommen, Ihr spielt NLHE Cashgame (100BB) und seid Winner mit 5 Big Blinds pro 100 Hände auf Eurem aktuellen Limit. Ihr spielt eine Session von 1000 Händen. Im Schnitt macht Ihr während dieser Session 50 Big Blinds. Weiterhin angenommen, Ihr verliert während dieser 1000 Hände einen Stack durch Anflug von Tilt. Die Session endet also mit -50BB.

Glückwunsch, Ihr habt Euch von einem 5BB/100 Winner zu einem -5BB/100 Loser auf Eurem Limit getilted!

Der Tiltfaktor

Klar, jeder kennt den klassischen "Ich werf' meine Maus an die Wand", "Roooooaaaaarrrrr!!!111", "Jetzt shove ich any two", "CALLCALLCALLCALL" Tilt. Wenn es so weit kommt, ist es aber meist schon zu spät. Die Session hätte schon längst abgebrochen werden müssen, und alle aktuellen Entscheidungen, die getroffen werden, sind größtenteils emotionaler Natur. Tödlich für eine Pokersession, und langfristig für die ganze Bankroll.

Ich stelle mir das mit dem Tilt in etwa so vor: Zu Beginn meiner Session starte ich mit einem Tiltfaktor = 0.

Ich bin ausgeglichen und möchte pokern. Alles, was im Verlauf meiner Poker Session oder bereits vorher passiert, beeinflusst den Tiltfaktor.

  • Ein negatives Ereignis wie ein begangener Fehler, ein Bad Beat, Cooler oder ein nervender Gegner etc. erhöht den Tiltfaktor (+1)
  • Alle positiven Ereignisse wie z.B. ein dicker, gewonnener Pot, ein super Spielzug oder auch ein Bad Beat für den Gegner reduzieren den Tiltfaktor (-1).
  • Bin ich bereits vor meiner Session in einer schlechten Verfassung, weil äußere Umstände mich aktuell zu sehr beschäftigen (Streit, Probleme, Krankheit, Hitze etc.), dann starte ich meine Session bereits mit einem erhöhten Tiltfaktor (+1).
  • Freue ich mich ganz besonders auf die Session, oder bringe sehr viel Selbstbewusstsein mit, weil ich vorher einiges an Theorie gepaukt und neue, profitable Strategien gelernt habe, so starte ich mit einem reduzierten (negativen) Tiltfaktor (-1).
Als Beispiel nehme ich jetzt mal meine Session von gerade eben und erzähle den Verlauf sowie die Entwicklung meines Tiltfaktors:

Erste Hand der Session:

Ich eröffne mit , ein loose/aggressiver Spieler reraised mich aus den Blinds um das Minimum. Ich calle in Position und floppe Two Pair + Backdoor Flushdraw auf . Er setzt an, ich raise, er callt. Es ist noch eine Potsized Bet übrig, der Turn ist der , er checkt zu mir, ich pushe All-In und er geht in den Tank...

Meine Gedanken während er tankt: "Super Start in die Session, bombensichere Hand - und , oder wird er nicht haben, sonst hätte er schon längt gecallt."

Er callt, nachdem seine gesamte Timebank abgelaufen ist, und zeigt . Ich improve nicht.

Meine Gedanken:
  • "****** Slowroll. Was für ein Hornochse." (+1).
  • "Ich hatte die Hand schon eingetütet, und hatte sogar noch Outs trotz geturnter Nuts" (+1).
  • "Und das auch noch direkt zu Beginn der Session." (+1).

Tiltfaktor = 3

Kurze Zeit später:

Ich eröffne mit aus dem Button, und ein total verrückter Maniac callt im Big Blind. Er ist bisher durch wilde Pre- und Postflop All-Ins mit Gemüse aufgefallen, und hat sich hauptsächlich durch Suckouts mit genau diesem Gemüse seinen Stack ergaunert. Der Flop kommt . Der Maniac checkt, ich bette, und er pusht erneut All-In. Ich calle, und er zeigt . Seine Hand hält.

Meine Gedanken:
  • "Jedesmal pusht er Gemüse, und in der Sekunde, in der ich eine Granate halte, macht er natürlich die Nuts." (+1)
  • "Seine Spielweise hat mich zum Call bewegt. Jetzt hat er das beste von mir bekommen." (+1)
  • "Jetzt bin ich schon 2 Stacks down." (+1)

Tiltfaktor = 6

Zu guter letzt:

Ich calle den Open Raise eines extrem loose/aggressiven und schwachen Spielers mit am Button. Der Flop kommt . Mein Gegner checkt, ich setze, er callt. Der Turn bringt die . Er checkt, ich setze, er callt. Der River ist die . Er tanked, und checkt dann. Ich checke dankend behind und er zeigt .

Meine Gedanken:
  • "********* River* (+1)
  • "Wieso ging das Geld hier bitte nicht am Flop ganz in die Mitte?" (+1)

Tiltfaktor = 8

Jetzt kommt durch den unglücklichen Verlauf der Hände auch noch folgender Gedanke hinzu:
  • "Ich kann heute einfach keinen Pot gewinnen" (+1)
Und schon bin ich bei Tiltfaktor 9 angelangt. Es gibt sicherlich Umstände, die den Tiltfaktor wieder auf ein Minimum reduzieren können, z.B. eine weitere Folge von "Good Beats" - also Händen mit gutem Ausgang, dicken Gewinnen oder tollen Spielzügen. Ein Zustand mit Tiltfaktor 9 ist für mich persönlich aber ohne Reduktion des Tiltfaktors einfach nicht mehr akzeptabel. Was in diesem Zustand passiert bzw. welche Auswirkungen der Tilt individuell hat, kann man wohl nicht verallgemeinern.

Bei mir ist es dann aber eine Art schleichende Verschlechterung meines Spiels, indem ich entweder mehr marginale Hände spiele bzw. überspiele, oder bestimmte, wichtige Valuebets bzw. Calls nicht mehr mache. Sobald ich das bemerke, beende ich meine Session. Man könnte also eigentlich auch hingehen, und bei jeder negativen Emotion, die man in einer Session erlebt, einen Tiltfaktor Strich auf einen Zettel machen. Wenn man beim individuellen Maximum angelangt ist, dann ist es an der Zeit, zu quitten. Jede Pause oder Aktivität außerhalb von Poker reduziert den Tiltfaktor dann wieder gemächlich auf ein Minimum - gutes Essen, eine Folge der aktuellen Lieblingsserie, Arbeit, oder eben einen Blogeintrag über Tilt schreiben :) Ganz bei Faktor 0 bin ich noch nicht angelangt, aber sobald das der Fall ist, greife ich wieder an.

In diesem Sinne,
Euer Flix

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