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minraise blog

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/Okt/2009

q.e.d.?

Von: minraise @ 17:26 (CEST) / 9 / Kommentar ( 14 )

Ich gehe morgens früh vor die Haustür und sehe mich kaum um, bemerke aber dennoch aus den Augenwinkeln beim Hinausgehen, dass die Pflanzen im Vorgarten Beet nass sind. Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt ist: "Na klar, es hat bestimmt geregnet." Dann gehe ich weiter und betrachte die Straße und den Bürgersteig. Die sind trocken. Der zweite Gedanke, der mir in den Sinn kommt ist: "Es kann kürzlich nicht geregnet haben." (Es sei denn jemand ist mit einem Fön über den ganzen Straßen- und Bürgersteig bereich gelaufen). Mein erster Gedanke ist logisch nicht korrekt, da ich diese Schlussfolgerung nicht ziehen kann aus dem aktuellen Tatbestand "Die Pflanzen sind nass." Es könnte jemand die Pflanzen gegossen haben. Daraus folgt, sie sind nass. Aber aus ihrem nassen Zustand kann ich nicht logisch folgern, dass es geregnet haben muss.

Die Aussagenlogik hier lautet:

Aus A folgt B: "Es hat kürzlich geregnet" => "Die Pflanzen sind nass" 

Der Umkehrschluss dazu ist jedoch nicht, wie wir festgestellt haben, "Die Pflanzen sind nass" => "Es hat kürzlich geregnet", sondern:

Aus nicht-B folgt nicht-A: "Die Pflanzen sind nicht nass" => "Es hat kürzlich nicht geregnet"

Das ist logisch, denn wenn alle Pflanzen trocken sind, kann es auch kürzlich nicht geregnet haben (Es sei denn der Typ mit dem Fön hat nicht nur die Straßen und Gehwege, sondern auch die Pflanzen trocken gepustet). Was zur Hölle hat dieser Dreikäsehoch-Erbsenzähler-Mathenerd-Kram jetzt mit Poker zu tun? Wir sind ja hier nicht an der Uni im Vorkurs über Aussagenlogik. Habt Ihr Recht. Es gibt aber eine deutliche Analogie zum Poker bzw. eher zum Auflösen schwieriger Poker-Situationen, bei denen es darum geht, ob ein Mitspieler bluffen könnte oder nicht. Ich fange mal mit einer Poker Story an:

 

Gestern abend spiele ich wie gewöhlich in unserer Live Partie, die relativ hart zu schlagen ist, weil die Teilnehmer alle gute und grossteils erfolgreiche (Cashgame) Pokerspieler sind. Es ist noch früh am abend und noch nicht viel passiert. Die Pötte sind überschaubar klein, keine wilde Action, keine großen Bluffs. Der Button eröffnet mit einem Raise auf den 3-fachen Big Blind, ich bezahle mit aus dem Small Blind. Der Big Blind zahlt ebenfalls, und wir sehen uns zu dritt den Flop an:

Kein toller Flop für meine Hand, aber ich habe Top Pair und bin sicher oft noch gut. Ich checke von vorne, und der Big Blind spielt nun mit einer 2/3 Potbet an, der Button foldet. Ich bezahle den Bet, und will erst die Turnkarte sehen, bevor ich mich für Showdown oder eventuelle Bluff Pläne mit der Hand entscheide. Der Turn:

Die Karte gefällt mir zwar nicht, aber ich kann sie dem Big Blind kaum geben, da er bereits den Flop angespielt hat. Also calle ich auch hier ein zweites Mal seine 1/2 Pot Bet. Der River:

Eklig. Jetzt liegen zwei Overcards, hat soeben eine Straße gemacht, ich habe einen schlechten Kicker...puh. Ich checke, der Big Blind setzt fast Pot, und ich folde schweren Herzens...

Er setzt den River.

Warum tut er das? Gehen wir die Hand nochmal von vorn bzw. eher von hinten durch.

  • Er callt preflop nur im Sandwich, kann also kaum bis halten, da er diese Hände häufig für Value vor dem Flop nochmal erhöht. Er setzt den Flop, muss also entweder bluffen bzw. semibluffen mit einen Draw ( , , Overcards werte ich hier auch mit 6 Outs mal als Draw), ein Paar, zwei Paar oder ein Set halten. Gegen Draws und One Pairs liege ich sehr oft vorne. Gegen Zwei Paar habe ich vielleicht Outs (auch Backdoor Outs). Gegen ein Set bin ich whamboozled, wie WSOP Kommentator Norman Chad sagen würde. Aber wann floppt man schonmal ein Set im Live Game? :)
  • Am Turn spielt er erneut auf den König an. Der König komplettiert keine Draws (ausser Overcards wie oder ), und wenn mein Gegner den Flop getroffen hat, kann er (ausser mit ) sich selten verbessert haben. Der ändert also nichts an der Ausgangssituation. Ah doch - Mein Gegner sieht, dass ich den Flop gecallt habe, also muss ich etwas am Flop getroffen haben oder einen Draw halten, heisst - der König ist für mich eine Scarecard, und er könnte locker auf die Idee kommen, nochmal zu feuern mit Draws oder Bluffs. Er setzt auch recht klein an, was bedeuten könnte, dass er seine Bluffkosten günstig halten möchte. Ich sollte ja im Prinzip bei der Action viele Draws und kleinere Paare als eine weglegen.
  • Der River ist nun eine weitere Scarecard als Overcard zum Flop Board, und komplettiert - er setzt aber nichtsdestotrotz fast Pot.

Aus der Tatsache allein, dass er den River setzt, folgt aber laut Aussagenlogik nicht, dass er die Nuts ansetzt (aka Set, Two Pair, Straight). Daraus kann genauso gut folgen, dass er Luft bzw. einen reinen Bluff oder einen anderen geplatzten Draw setzt, weil er die Hand höchstwahrscheinlich im Showdown nicht gewinnen kann, nachdem ich zweimal calle. Nun der nächste Schritt: Angenommen, er hielte irgendeine Form von Overcards, eine , ein kleines oder mittleres Paar. Würde er den Turn und den River bedenkenlos weiterfeuern? Für Value? Oder als Bluff? Es macht wenig Sinn, eine Hand, die showdownfähig ist, in einen Bluff zu verwandeln. Genauso kann er mittelstarke Hände bei dieser Boardentwicklung nicht für dünnen Value ansetzetn, weil es ja kaum schlechtere Hände geben wird, die ihn auszahlen. Mit einer solchen Hand muss auch er ein wenig Respekt vor dem Board entwickelt haben, weil die Karten meiner Hand ja auch geholfen haben könnten. Man kann also festhalten:

  • Er hält die Nuts (Set, Two Pair, Straight) => Er setzt den River
  • Er hält einen geplatzten Draw bzw. eine nicht showdownfähige Hand => Er setzt den River oder er checkt hinterher.
  • Er hält eine marginale, showdownfähige Hand => Er checkt hinterher

Das Ganze kommt bei weitem keinem mathematischen Beweis gleich, aber es hilft dabei, Hände zu verstehen und nachhaltig zu erschliessen. Um zu einer "vernünftigen" (vernünftig heisst hier, dass ich mit einem Call unter Umständen auch ab und an daneben liegen kann) Lösung zu gelangen, kann ich also die Hand von hinten aufrollen und eine Entscheidung quasi mit Hilfe der Aussagenlogik und allen mir als Informationsquelle dienlichen Anhaltspunkten der Hand treffen. In diesem Beispiel sind meine Anhaltspunkte:

  • Er setzt nur den halben Pot am Turn aber fast den ganzen Pot am River
  • Ihn scheinen die Overcards auf Turn und River kaum zu stören
  • Er kann Hände mit solidem Showdown Value kaum auf Turn oder River für Value setzen
  • Die einzige Hand, die glaubhaft angekommen ist, wäre
  • Gefloppte Sets und Two Pair sind doch eher rar gesäht
  • Asse, Könige, Damen hat er weniger oft, weil er vor dem Flop nur gecallt hat

Wie hättet Ihr entschieden?

Zum Thema "Eine Hand von hinten aufdröseln" habe ich zum Abschluss noch zwei gute Beispiele. Eine Hand stammt von Intellipoker User hurricane562 , das Ganze haben wir hier diskutiert und auch "von hinten aufgelöst". Die andere wurde auf Highstakes Poker gespielt zwischen Phil Laak und Patrik Antonius. Laak feuert dreimal auf einem drawlastigen Board, das Overcards auf Turn und River präsentiert. Antonius hatte sicher immer ne 1 in Aussagenlogik.

Nächste Woche gibts übrigens dann den versprochenen dritten Teil von Rererererereraise. Der Eintrag hier brannte mir quasi auf der Zunge, daher habe ich ihn einfach mal dazwischen geschoben. Am Donnerstag im Training werde ich ein kleines Special in Sachen Hand Reviews starten, indem ich interessante Hände, die ich selbst auf den Limits NL5 bis NL50 gespielt habe, für Euch zur Analyse bereitstellen werde. Außerdem haben wir noch ein kleines "Reste Essen" vor, denn es sind so einige Hand Histories von Usern übrig geblieben, die noch nicht analysiert wurden :) Hoffe auf Eure rege Teilnahme!

 

Zur Anmeldung

Bis dahin,

Euer Flix

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