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minraise blog

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/Nov/2009

The Big Bluff

Von: minraise @ 16:38 (CET) / 7613 / Kommentar ( 4 )

Wann immer Laien oder Anfänger über Poker reden, wird zwangsläufig auf kurz oder lang das Wort "Bluff" fallen. Bluffen ist ein großer, wichtiger Aspekt des Pokerns, besonders in No Limit Hold 'Em - und zu Beginn wird dieser Aspekt sicher oft als sehr wichtig oder zumindest repräsentativ für das Spiel angsehen. Spieler anderer Formate, vor allem Limit Spiele, bluffen von Zeit zu Zeit auch, aber ein Bluff hat mit Sicherheit umso größere Erfolgsaussichten je höher der Betrag des Bluffbets relativ zur Potgröße. Bluffs werden daher auch als effektive Spielstrategien in No Limit Spielen implementiert.

Poker? Ist das nicht das Spiel wo geblufft wird?

Der Laie oder Anfänger hat im Prinzip mit dem Profi Spieler, der sich in höheren Partien bewegt oder in Spielen spielt, in denen ein höheres Spiel-Niveau herrscht, etwas gemeinsam. Er hält den Bluff für eine extrem wichtige und profitable Strategie. Er begeht im Unterschied zum Profi aber oft einen elementaren Fehler in kleineren Partien mit anderen Beginnern, womöglich welchen, denen er sogar technisch schon überlegen ist. Der Profi würde sich, sofern er denn in einer solchen Partie spielen würde, hüten, zu bluffen - denn er kann nicht davon ausgehen, dass die anderen Spieler wissenstechnisch auf dem gleichen Stand sind wie er. Dadurch verschiebt sich die potentielle Geldquelle des Spiels wieder auf den Showdown, denn die größten Fehler der Beginner werden sein, dass diese zu häufig fehlerhafte Calls, Bets oder Raises machen und mit durchschnittlich schwächeren Händen in den Showdown gehen. Der Beginner schimpft dann in diesen Spielen über die "schwache" Spielweise der Beginner, oder über das Bluffen an sich. Ich erinnere mich noch an eine Homegame Partie zu meinen frühen Zeiten, in denen wir das Pokern gerade zu lernen anfingen, und in der ein Spieler immer und immer wieder bei misslungenen Bluffs auf einem 3-Flush Board fluchte: "Ich hab doch den Flush repräsentiert!". Ein solcher Bluff funktioniert ganz einfach nicht gegen einen Spieler, die sein Top Pair Top Kicker trotz der Präsenz eines 3-Flushs auf dem Board gern in den Showdown bringen möchte. Der Spieler ist sich der Handstärke relativ zu einem Board nicht bewusst ist, sondern denkt nur in absoluten Handkategorien (Top Pair Top Kicker ist eine starke Hand!). Gleiches gilt für einen Spieler, der seinen 7-high Flushdraw so sehr mag, dass er alles Geld, das er dabei hat, dafür zahlen würde, um ihn zu vervollständigen. Stellt man sich nun aber eine Runde vor, in der alle Spieler Konzepte wie Pot Odds, Implied Odds, relative Handstärken, Equities usw. verinnerlicht haben, so drehen sich diese Verhältnismäßigkeiten wieder herum. Die Spieler wissen, dass eine Hand wie Top Pair Top Kicker auf einem 3-Flush Board gegen einen Raise womöglich nicht mehr die beste sein wird, oder dass sie bei 1:2 Pot Odds mit ihrem 7-hi Flushdraw nicht mehr profitabel eine potsized Bet bezahlen können. Und schon wird man sich als Spieler dieser Runde fragen müssen: Wenn meine Gegner wenig grundsätzlich technische Fehler mehr begehen und sich bemühen, immer mit der besten Hand in den Showdown zu gehen, wo kommt mein Profit her? Und hier kommt der Bluff ins Spiel. Der nutzt nämlich genau die technischen Kenntnisse der anderen Spieler aus, und versucht ihnen vorzugaukeln, dass sie eine noch bessere Hand als die ihre benötigen, um im Showdown bestehen zu können.

Bluff Architecture

Ein gut konzipierter Bluff gibt uns nicht nur die Möglichkeit, kleine, mittlere und zuweilen auch größere Pötte ohne einen Showdown einzustreichen. Er hat viel weitreichendere Auswirkungen: Wenn einem Mitspieler bekannt ist, dass wir in bestimmten Situationen auch fähig zu Bluffs sind, können wir ihn dahingehend manipulieren, dass er uns auf kurz oder lang auch wieder öfter auf unsere starken Hände ausbezahlt. Aber was ist mit einem "gut konzipierten" Bluff gemeint? Die Basics:

  • Vorraussetzung: Man kann seinen Gegner aufgrund von bisherigen Aktionen auf eine recht spezifische Hand setzen, und weiss, wie dieser Gegner über die Stärke einer solchen Hand im Kontext mit verschiedenen Boards denkt

Angenommen, mein Gegner eröffnet mit einem Raise aus UTG, setzt den Pot auf einem Flop mit , setzt den Pot am Turn, so kann ich ihn recht genau auf eine Hand wie Top Pair, Two Pair oder ein Set festnageln - sofern er nicht als Bluffer bekannt ist. Ein Flushdraw wäre ebenfalls möglich, aber sicher nicht so häufig wie eine Top Pair Hand. Wenn ich nun von meinem Gegner weiss, dass er Top Pair Hände nicht mehr so gern in den Showdown bringt, könnte ich versuchen, den River zu bluffen, falls dieser den Flush bringt. Dazu aber später etwas mehr.

  • Druckmittel: Chips, Chips und noch mehr Chips - Möglichst viele Chips im Verhältnis zum Pot.

Ein Bluff wird besonders dann effektiv oder sieht bedrohlich aus, wenn der Bluffer und der vorsätzlich gebluffte viele Chips auf dem Tisch haben, die noch nicht im Pot sind - und die in Relation zum aktuellen Pot eine große Anzahl ausmachen. Angenommen, mein Gegner und ich spielen in einem No Limit Hold'Em Game einen $100 Pot am Turn bei einem effektiven $150 Stack. Wenn ich nun $100 am Turn "bluffe", sieht mein Gegner, dass ich "nur" noch $50 in der Hinterhand habe - verhältnismässig wenig Geld, und damit wenig Druck, welchen ich psychologisch aufbauen kann. Spielen wir aber beide mit einem $400 Stack, so habe ich nach meiner $100 Bet in den $100 Pot und seinem Call von $100 immer noch $300 dahinter. Da der Pot am River $300 betragen wird und mein Gegner noch eine weitere potsized Bet fürchten muss, wenn er die Turnbet bezahlt, baue ich somit einen sehr starken und vor allem psychologisch subtilen Druck auf. Zuletzt kommt der eigentlich wichtigste Aspekt des Bluffens zum Tragen:

  • Ein rundes Bild: Wenn man einen Bluff aufzieht, muss man in der Wahl der Spielweise von Preflop bis zum River darauf achten, dass man dem Gegner ein möglichst breites Spektrum an Händen, welches die aktuelle Hand des Gegners schlägt, glaubhaft verkaufen kann. Wenn mein Gegner beispielsweise auf einem hält, wird es reich technisch schwer sein, ihn zu einem Fold zu bewegen. Nur eine , , und schlagen ihn. Dies ist einfach eine viel zu kleine Zahl möglicher Hände. Lässt man das Board sein, so sind viele Kombinationen an Händen unterwegs, die schlagen können - und das sogar recht offensichtlich aufgrund der 4-Liner Straight und des 3-Flushs.  

The Big Bluff Fail

Vor ca. einer Woche saß ich im Bellagio Poker Room morgens früh um 9:00 an dem einzigen, laufenden $2/$5 No Limit Tisch, weil ich aufgrund des Jetlags nicht schlafen konnte. Der Tisch war eigentlich eher mäßig, und im Vergleich zu den Games, die zu einer anderen Uhrzeit hier laufen, nicht sonderlich profitabel. Da kein $5/$10 NL Tisch mehr lief, hatten sich auch ein bis zwei Regulars dieses Spiels am Tisch eingefunden. Ein Grund mehr, das Spiel nicht zu spielen. Einer dieser Spieler war ziemlich aktiv, und schien viel von seinem Handwerk zu verstehen. Da mir mit der Zeit die Spots ausgingen, in denen ich gegen ein paar schwächere Spieler Geld hätte gewinnen können, entschied ich mich in einer Hand dazu, umzusatteln - und ließ mich auf den Kampf mit dem $5/$10-Regular ein. Die Hand illustriert eigentlich perfekt, wie ein Bluff schief gegehn oder auffliegen kann, wenn er in der grundsätzlichen Architektur nicht so 100% stimmig ist.

  • Wir spielen $2/$5 NL mit einem effektiven Stack von $500. Mein Gegner eröffnet aus Early Position auf $20 und ich calle mit am Button. Wir sind Heads-Up, und der Flop kommt . Im Pot liegen $45, er setzt $40. Ich raise seinen Bet auf $120, und er geht etwas länger in den Tank. Letztendlich bezahlt er, und wir sehen den Turn. Er checkt zu mir, ich setze $160, er geht erneut lange in den Tank, schaut mich fragend an und sagt letztendlich "All-In", woraufhin ich meine Karten recht zügig in den Muck berfördere. Er zeigt .

Zunächst ist der Preflop Spot eigentlich ein guter. Ich habe absolute Position und eine spekulative Hand mit vollen 100 Big Blind Stacks. Seine Handrange ist aus Early Position zwar eher stark, aber dadurch steigen meine Implied Odds bei versteckten Händen wie Two Pair oder einer Straight (Ein Two Gapper macht öfter versteckte Straights) - und da mein Gegner ein denkender 5/10 Spieler ist, steigen auch meine Chancen, ihn auf einem geeigneten Board von einer besseren Hand (Overpair, Top Pair) zu bluffen, wenn das Board sich geeignet eklig für ihn entwickelt. Nun setzt er fast den Pot am Flop, daher muss ich ihm auch weiterhin eine starke Hand geben, die er auf dem 3-Flush Board ausreichend schützen möchte. Ich raise den Flop und hoffe, ihn damit in eine schwere Entscheidung drücken zu können, sofern er kein extra Kreuz dabei hat (z.B. , usw.). Nach seinem Call setze ich ihn entweder auf die steinkalten Nüsse (gefloppter Flush, Top Pair oder Overpair mit dem Nutflushdraw usw.), oder auf eine Hand wie ein Top Pair bzw Overpair, dass nicht mehr viel Aggression vertragen kann. Da nun aber der Turn das bringt, bin ich mir sicher, dass mein Gegner keinen Flush halten kann (einzige Ausnahme oder ), und wähle einen recht kleinen Bet. 

Was habe ich in der Hand vermasselt? Ersteinmal habe ich nicht beachtet, dass mein Gegner durch seine hohe Betsize bereits bekannt gegeben hat, dass ihm seine Hand gefällt. Zweitens habe ich durch meinen Raise am Flop bereits einen so grossen Pot eskaliert, dass am Turn "nur" noch eine potsized Bet dahinter übrig bleibt, die er fangen müsste. Für den Fall, dass er selbst ein Kreuz wie das hält, wäre das für ihn nicht weiter tragisch, weil er dann trotz einens Turn All-Ins immer noch den River für umsonst sehen würde und niemals drawing dead wäre. In seinem Fall hatte er Topset, und würde durch ein All-In nicht nur meine Bluffs stoppen, sondern wäre auch nicht drawing dead, falls ich tatsächlich einen Flush halte. Letzten Endes ist es auch noch fraglich, ob ich beispielsweise einen kleinen Flush, den ich am Flop raise, am Turn betten würde. Die Architektur meines Bluffs hatte somit also Ecken und Kanten, die mein Gegner aufgedeckt hat.

Ein guter Bluff will eben gut konstruiert sein. In diesem Sinne,
Euer Flix

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