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shootingstars blog

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Ein paar Tage später passierte mir der unglaublichste Lapsus, der mir in den bald drei Jahren, die ich Poker spiele, überhaupt passiert ist. Ich erwähne die nachfolgende Hand hauptsächlich wegen ihres Unterhaltungswertes, weniger weil sie spieltechnisch besonders lehrreich oder von sonstigem Interesse wäre; trotzdem kommentiere ich sie so, dass meine aufmerksamen, lernwilligen Leser auch pokertechnisch in einigen Punkten werden profitieren können.

200/400 $ Limit Hold'em, Bellagio, 9-handed (Auch diese Session dauert schon wieder ziemlich lange... )

Ein schwacher, loose-passive-type Spieler (der mit Abstand schwächste Spieler an diesem Tisch, der sich aber gut amüsiert und  wohl kaum Probleme damit hat, zum Spass ein paar Flags zu verspielen; hat bisher sicher ca. 40% seiner Hände gespielt) openlimpt UTG, UTG+1, ein solider, tighter und recht guter, aber etwas "mechanischer" und nicht sehr kreativer Limit Hold'em Spezialist, den ich schon seit ein paar Wochen kannte, raist, ich 3-bette irgendwo in MP mit , LPs und Blinds folden, UTG foldet (überraschenderweise), UTG+1 callt.

Flop:

Mein Gegner checkt, ich bette, er callt.

Turn:

Mein Gegner checkt, ich bette, er check-raist.  

Ohne lange zu zögern, 3-bette ich. (genauer gesagt heisst das, ich "überlege" zwar kurz, ca 5 Sek., um mein übliches Tempo beizubehalten, habe die Entscheidung, zu reraisen aber praktisch automatisch getroffen) Folgende Gedanken gingen mir dabei schnell durch den Kopf:

Natürlich ist jetzt vom Board her theoretisch eine Strasse möglich, aber ich bin mir sicher, dass mein Gegner niemals 87 (auch nicht suited) von UTG+1 aus raisen würde, dazu ist er zu tight und solide. Ich habe also praktisch immer noch "die Nuts". Er könnte AK (oder evtl. KQ, wobei ich das eher für unwahrscheinlich halte, weil er das offsuit wohl Preflop folden würde) haben (ich hätte zwar bei ihm normalerweise eher gedacht, dass er einen K am Flop check-raist, aber es ist möglich, dass er den Turn check-raisen will, vor allem mit AK) , oder es kann sein, dass er 99 am Flop slow geplayed hat, oder am Turn mit 1010 ein Set getroffen hat.

Zu meiner Überraschung 4-bettet mein Gegner SOFORT.

Ich werde sofort stutzig, denn eine SCHNELLE, AUTOMATISCHE 4-Bet passt hier überhaupt nicht ins Bild. Er könnte zwar, wie gesagt, ein Set am Flop geslowplayed, bzw. am Turn getroffen haben, aber ich bin mir eigentlich sofort intuitiv sicher, dass er nicht AUTOMATISCH 4-bettet damit, wo ich doch offensichtlich KK haben könnte (und mit 87 eine Strasse möglich ist; ich glaube aus mehreren Gründen nicht, dass er 87 ganz ausschliesst bei mir, obwohl ich damit normalerweise Preflop nicht reraisen würde ). Mit 2 Pair würde er zwar vermutlich am Turn check-raisen, aber garantiert nicht 4-bettten

Ich bin mir nicht mal sicher, ob er 1010, bzw. 99 überhaupt 4-bettet, wie gesagt, es handelt sich bei meinem Gegner um einer sehr tighten und soliden Spieler (der sich ausserdem bis zu einem bestimmten Grad bewusst ist, dass sich seine (guten) Gegner an seinen Stil anpassen, d.h. ich bezweifle zum Beispiel, dass er denkt, ich würde AK am Turn gegen ihn 3-betten, etc.).

Hmm... Hat er etwa doch 87 und am Turn sein OESD getroffen? Nein, das kann nicht sein, niemals würde er 87 UTG+1 spielen. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass er gerade irgendwie auf Tilt/running good und daher übermütig/gelangweilt ist (und darum eine viel weitere Prefloprange als sonst, die 87 einschliessen könnte, hat). Komisch... vermutlich denke ich hier zu weit und überbewerte sein Timing und er ist vielleicht etwas unvorsichtiger heute und hat keine Bedenken mit seinem 1010/99.

Da ich ja, abgsesehen von 87, das er garantiert nicht hält, "die Nuts" habe, 5-bette ich also, nach ca. 15 Sekunden (diesmal authentischem) Überlegen, wenn auch leicht verunsichert.

Nur ein paar Augenblicke später  sehe ich mich mit einer (erneut schnellen) 6-Bet konfrontiert!

Hä??? Er reraist nochmal??? Was ist den jetzt kaputt??

Völlig verdattert sitze ich da. Es ist schwer, dieses Gefühl vollumfassend zu beschreiben, aber für ca. 1 Minute (und das ist auch für meine Verhältnisse eine aussergewöhnlich lange Bedenkzeit in einer Limit-Partie...) begriff ich die Welt nicht mehr. Ich sah keine logische Erklärung mehr dafür, was hier vor sich ging. 

Er 6-bettet?? Hat mir jemand 'was in den Drink getan? Das kann doch nicht sein... Nie im Leben würde er 1010 (99 schon gar nicht) hier dermassen überspielen, doch nicht dieser solide, tighte ABC-Grinder... Er hat also doch 87? NEIN, unmöglich! Das spielt er doch nicht! Das raist er doch nicht aus early position! Könnte es etwa irgendein völlig absurder Bluff sein? Nein, niemals... Hmmm... Und das hier ist auch nicht Omaha, (wo theoretisch Draws möglich sind, die sogar am Turn immer noch Favorit gegen die Nuts sind) also kann er auch nicht irgendein Ultra-Draw for Value immer weiter reraisen.

Das gibt es doch alles nicht...

Ziemlich ratlos entscheide ich schliesslich, dass 87 nach seiner 6-Bet sozusagen als etwas weniger unwahrscheinlich einzustufen ist als 1010 (was nach seiner 4-Bet noch andersrum aussah) und calle daher nur noch. Auch steht fest, dass ich definitiv den River calle, weil ich einfach seine Hand sehen muss (und so denke ich normalerweise niemals).

River: (oder eine andere Blank)

Mein Gegner bettet, ich calle sofort.

Er annonciert: "Straight". Immer noch völlig verblüfft, wie ich mit meiner Einschätzung so daneben gelegen haben konnte, fällt mein Blick auf seine Karten, die er soeben aufgedeckt hat und ich sehe:

Was zur Hölle...? Ist das ein Witz??? Da fällt es mir endlich wie Schuppen von den Augen: Uuuups, es war ja noch eine andere Strasse möglich...

Nach dieser Hand hatte ich definitiv realisiert, dass ich nach ca. 250 bis 300 Stunden Poker in weniger als 6 Wochen dringend noch ein paar Tage Erholung brauchte vor dem Main Event...

 
 

Kleine Randbemerkung: 

Im Nachhinein bin ich mit meinen Entscheidungen "unter den gegebenen Umständen" (d.h. quasi "unter der Annahme, dass man nicht realisiert, dass 2 Strassen möglich sind", allerdings könnte man argumentieren, dass ein erfolgreicher High-Limit Spieler eigentlich schon in der Lage sein sollte, das Board zu lesen... ) in gewisser Weise übrigens durchaus zufrieden.

Weder 87, noch 1010 ergaben  Sinn für mich, d.h. ich hielt die Wahrscheinlichkeit, dass er eine von diesen Händen so spielen würde, für extrem klein (die Wahrscheinlichkeit für einen Bluff oder irgendeine andere Hand aber für noch kleiner). Mindestens eine meiner Einschätzungen bezüglich seiner Spielweise muss also ohnehin falsch sein (denn irgendeine Hand muss er ja haben), d.h. die Information, von der ich ausgehe ist definitiv unzuverlässig. Daher gewichte ich diejenige Information, die zuverlässiger ist -seine 6-Bet - nun, da sich die Information in meinen Annahmen als unzuverlässig erwiesen hat, viel stärker. (Im Sinne einer spieltheoretisch optimalen Strategie kann man KK hier natürlich sowieso nicht endlos weiterraisen; aber selbst wenn man aufgrund von bestimmten Vorgaben (in der Praxis halt Reads, bzw. PT-Daten, etc.) wüsste, dass 87 extrem unwahrscheinlich ist, wird ab einer bestimmten Anzahl Bets das Gewicht der Information dieser Anzahl Bets wichtiger als das Gewicht der Information der kleinen Startahrscheinlichkeit von 87, solange diese Startwahrscheinlichkeit grösser als 0 ist.)

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