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/Jun/2008

Vegas, my second home

Von: shootingstars @ 04:40 (CEST) / 7888 / Kommentar ( 96 )

Anton AllemannIch befinde mich seit zwei Wochen in Las Vegas und fühle mich schon wieder wie zu Hause. ;) 

Ich habe vor, wie letztes Jahr wieder die High-Stakes Cashgames zu crushen und meine Turnierbilanz aufzupolieren; ich werde wahrscheinlich den 10k Mixed Event, den 10k NL HU Event, den 10k PLO Event und den Main Event spielen (Update: Mixed-Event und NLHU-Event wegen Marathon Cashgame Sessions und dringendem Bedürfnis nach Schlaf verpasst...).

Beim Spielen war ich bisher trotz der üblichen großen Swings ziemlich erfolgreich, vor allem im NLH, wo ich letzte Woche zum ersten Mal im Bellagio live gegen Kenny Tran gespielt habe, der allerdings aus meiner Sicht seinem Ruf als extrem starker Live-Spieler nicht ganz gerecht werden konnte (was allerdings teilweise an den für seine Verhältnisse vielleicht niedrigen Stakes  - 25/50$ Blinds mit 100$ BU-Ante-  gelegen haben könnte; außerdem sagt eine einzelne Session natürlich nicht unbedingt viel aus).

Ich finde es immer wieder interessant, die Leute kennen zu lernen, bzw. wieder zu sehen, die sich hinter den Online-Screennames  verbergen, gegen die ich das ganze Jahr über Tausende von Händen im Internet spiele. So habe ich in den letzten Tagen u.A. Mike Gorodinsky (aka „gordo16“; bereitet mir seit Jahren im PLO Kopfzerbrechen) und Simon Münz („Schnibl0r“), der Live nicht leichter zu schlagen ist als Online, kennengelernt.

Ich veröffentliche sonst selten, abgesehen von meinem Private Coaching und manchmal ein paar Freunden gegenüber, detaillierte Analysen und meine genauen Gedankengänge zu gespielten Händen, aber da ich hier bisher nicht viel Anderes gemacht habe als Poker zu spielen und daher sonst noch nicht viel zu Schreiben habe (jedenfalls nichts, was in einen solchen Blog gehört ;) ) - here we go:

Die folgende Hand  fand während einer meiner längeren Sessions im Rio statt; gespielt wurde 5-handed NLH mit 25/50$ Blinds. Mein Gegner ist Kevin, ein High-Stakes Live-Spieler aus Vancouver, der mich bereits zwei Tage zuvor im Bellagio gleichermaßen mit seiner charismatischen Art wie mit seinen Table-Talk-Fähigkeiten beeindruckt hatte. Die Hand war sehr interessant und illustriert mehrere Aspekte, die im (Live-) Poker von Bedeutung sind. Natürlich ist es immer sehr schwer, die Psycho-Dynamik im Live-Poker in einem bestimmten Moment zwischen zwei Spielern im  Nachhinein exakt  zu beschreiben, aber ich versuche, alle relevanten Faktoren zu erwähnen.

 Kevin hatte in der letzten Stunde einige Hände verloren und war, zwar längstens nicht auf Tilt  -dazu ist er zu gut-, aber wahrscheinlich tendenziell eher risikobereiter als sonst. Von unserer längeren Unterhaltung während der Partie im Bellagio weiß ich, dass er ein gutes Verständnis von Psycho-Dynamik und perceived Table-Image im Live-Poker hat.

Alle folden zu mir im SB, ich raise mit Kx9x auf 175, Kevin callt. Er hat ca. 13k vor sich, ich covere.  

Flop:

Mir ist sofort klar: Diese Hand wird wahrscheinlich keinen Spaß machen.

Ich überlege einige Zeit, welche Line hier am Besten ist. Die Situation ist nicht ganz einfach, denn meine Hand ist in den meisten Fällen vorne, kann aber nicht viel Action standhalten.

Allgemein betrachtet, gibt es hier verschiedene akzeptable Möglichkeiten und theoretisch betrachtet hängt ohnehin alles mit davon ab, was man hier mit anderen Händen machen würde.

Gegen einen starken Gegner (der gut balancierte Handranges spielt, etc.) würde ich grundsätzlich gerne billig zum Showdown gelangen, optimaler weise für eine Bet. (Denn wenn nur genau eine Bet in die Mitte geht, ist meine Hand in den allermeisten Fällen gut und ich bekomme noch Value; natürlich ist dies alles nur eine grobe Skizzierung und alles hängt auch davon ab, wie sich das Board ändert, ob ich mich verbessere, etc.)

Ein Check bietet sich an (mit der Idee, ein bis zwei bets zu callen), damit würde ich verhindern, gesemiblufft zu werden und mein Gegner erhielte eine Einladung, hinterher zu checken, womit ich meinem gewünschten billigen Showdown näher käme.

Das Problem ist aber, dass meine gesamte Handrange nach einem Check hier aus Kevins Perspektive ziemlich schwach aussehen muss (Meine Handrange aus seiner Sicht ist nicht dasselbe wie meine reale Handrange; ich würde hier zwar durchaus ab und zu z.B. Overpairs, AJ, etc. checken, um diese Probleme zu vermeiden, aber das weiß Kevin ja nicht und solche Lines sind ziemlich selten)und ich unimproved keine drei bets callen kann, wenn ich davon ausgehe, dass Kevin zu thin Valuebets in der Lage ist. Falls er nur nuts, oder beinahe-nuts und bluffs, bzw. semi-bluffs dreimal bettet, sieht die Sache anders aus, aber wie gesagt, er ist ziemlich gut. 

In dieser konkreten Situation schien mir ein Check, mit dem Plan, eine, bzw. wahrscheinlich zwei Bets zu callen, aber dennoch klar am besten, denn ich hielt es für eher unwahrscheinlich, dass Kevin bei der momentanen Tischdynamik drei streets bluffen würde (die Achillesverse der Variante check-call, check-call), da er weiß, dass ich weiß, dass er ca. 15k hinten ist und davon ausgehen muss, dass ich ihm allgemein momentan wenig Credit gebe.

Wem es langsam zu kompliziert wird, überspringt den nächsten Abschnitt am besten ;) 

Aufmerksame Leser könnten hier einwenden, dass er ja auch eine Stufe weiter denken könnte und annehmen, dass ich, weil ich wahrscheinlich denke, dass er denkt, dass ich ihm nicht viel Credit gebe, ihm in Wirklichkeit umso mehr Credit gebe und daher eben doch öfters versuchen könnte, zu bluffen. Das ist grundsätzlich auch richtig und es gibt keine wasserdichte Methode, irgendwie logisch herzuleiten, auf welchem Level der Gegner bei solchen Mind-games genau denkt.. Da man mir aber deutlich ansehen konnte, dass meine  Session bereits lange dauern musste (und dies sicher auch Kevin nicht entgangen war), ist es eher unwahrscheinlich, dass Kevin denkt, dass ich hier noch eine Stufe weiter als normal denke.

( Ich habe hier eine Art informationstheoretischen Vorteil, denn ICH weiss, dass ich, obwohl es nicht mehr danach aussieht, noch in der Lage bin, soweit zu denken, aber DAS kann niemand wissen. ICH weiss, dass man eher davon ausgehen muss, dass ich nicht mehr viel weiter denke als "normal", aber ob das wirklich der Fall ist, weiss nur ich.)  

Wir haben diesen Aspekt nach der Hand übrigens noch ausführlich am Tisch diskutiert... 

Ich checke also. Kevin bettet ziemlich schnell 300, ich calle.

Turn:

Ich checke. Kevin bettet, wieder ziemlich schnell, 800.

Die Situation gefällt mir nicht besonders, denn Kevin macht mir ganz den Eindruck, als ob er den Pot möglichst groß machen will und bereits eine weitere große River-Bet plant. Ich überlege kurz, zu folden (was vertretbar wäre), aber Kevins schnelle bets und seine Körpersprache riechen, auf subtile, schwer zu beschreibende Weise doch etwas zu sehr nach Bluff, was meine Bereitschaft steigert, am River evtl. doch eine weitere Bet zu Callen; außerdem kann es immer noch sein, dass er am River hinterher checkt. Ich Calle.

River:

Ich checke. Kevin bettet 3500, knapp das Doppelte vom Pot. Herzlichen Glückwunsch, genau das, was ich nicht wollte…

Wie er diese Bet macht, sieht plötzlich wieder sehr stark aus, aber was weiß ich, bei Kevin ist alles möglich. An sich hatte ich ja einen Fold geplant, aber was für eine Hand hat dieser Sicko denn nur? Offensichtlich sieht seine Bet stark nach Bluff aus, aber das heißt gar nichts… An ein gebustedes Draw glaube ich gar nicht, denn das wäre so offensichtlich (trotzdem nicht unmöglich).

Ich glaube gefühlsmäßig nicht, dass er einen Jack so overbettet, das wäre zwar evtl. ein starker Move, und ihm grundsätzlich durchaus zuzutrauen, aber ich hatte intuitiv das starke Gefühl, dass er mit einem Jack am River länger überlegt hätte… Er könnte 44 oder J8 haben, das wäre absolut konsistent mit seiner Action, oder er könnte zunächst geblufft und dann mit 22 oder 33 ein “Backdoor-Set” getroffen haben oder evtl. mit 56 eine Straight. Alles eher unwahrscheinlich, aber plausible Möglichkeiten und zusammen Grund genug, zu folden.

Aber irgendetwas stört mich noch… Ich beschließe, Kevins Table-Talk-Skills mal auf die Probe zu stellen.

A: “Oh man, thaz precisely what I did NOT want to Happen…”

K:” J You got a pair? You think I might be bluffing?” (Sehr locker und natürlich, wie er mit mir redet, bei einigen Spielern für mich locker Grund genug, zu folden, aber nicht bei Kevin.)

A: “ Yeah, that Looks so suspicious… ;) “

K: “ But you can’t beat a Jack, right?”

A (will unbedingt herausfinden, ob er einen Jack hat, aber wartet noch etwas mit den entscheidenden Fragen, will Ihn etwas überrumpeln): “Oh c’mon! (kurze Pause) Ah man, why didn’t I just bet the flop and try to get it in…   (suggeriere, ein Overpair zu haben, das seinen Jack beaten würde, oder evtl. AJ )”

K: “Oh, you have an Overpair? :) (aufrichtig beeindruckt scheinend) Oh, you’re such a sicko! You balance your range really well!”

A(denkt: “jaja, schon gut, spar dir dein Gesülze…”  “ :) Yeah, but now I dunno what to do… *sigh*… Yeah, I have an overpair”

K: “Yeah, you put yourself in a really difficult situation.”

Trotz einigem Talk bis jetzt nicht der kleinste Anhaltspunkt… Mittlerweile versuchten die anderen 3 Spieler ebenfalls angestrengt, herauszufinden, was Kevin nur haben könnte, genau wie einige Zuschauer.

A:” I don’t think you got a busted draw, that would be way too obvious, and I don’t think you have JJ or 99...”

K:” No, I sware to god, I don’t have a busted draw and I sware to god I don’t have JJ and 99”

So wie er das sagt, glaube ihm sofort. Immerhin schon mal etwas.

A:” Do you have 44?”

K:” Ah, that’s too much now, I can’t tell you that”

A:” I don’t like it, but I think I’ll have to call, just because my hand looks so weak…”

K:” Yeah, you underrepresented your hand. (Kurze Pause) What is it, Queens or Kings? No, it must be Queens right? I think it's Queens…?”

A (wittert intuitiv seine Chance, ihn zu überrumpeln, und fragt schnell und direkt: “Does it matter if it’s Kings or Queens??”

K: “Oh, yeah, no, I - I’m just curious”

Da! (Auch wenn es sich schwer schriftlich übertragen lässt) Da war ein subtiles Zeichen von Unsicherheit. Und das war echt. Kein Mensch auf der Welt kann spontan auf so subtile Weise Unsicherheit faken. Kein in Anti-Verhörtechniken geschulter MI6 - Agent kann das. Auch nicht Kevin. Blufft er also?

Hmm, was bedeutet seine Unsicherheit wirklich ? Klar, er könnte auf einem reinen Bluff sein, aber vielleicht hat er eben doch einen Buben und ist nur deshalb unsicher, weil er ja jetzt denkt, ich hätte ein Overpair.

Ich bin doch wieder unsicher…

Schliesslich, nicht überzeugt, folde ich.

A: “ All right, man, I think I have to fold. I fold! Good play! You show me?”

K: “ No, sorry, bro, I can‘t show you!”

A: “C’mon man, just once! :) ”

K (zögert): “OK, ohne time, just because it’s you”

Kevin zeigt:

A : “Wow! :) I guess YOU are the sicko!”

Und wir diskutierten die Hand mit all ihren spieltechnischen und psychologischen Aspekten noch fast 2 Stunden lang, bis der Tisch aufgelöst wurde, wobei sich auch die drei anderen Spieler eifrig an der Diskussion beteiligten.

Mein abschliessender Kommentar zu dieser Hand: Oh well! Es war eine knappe Entscheidung, bei der ich letztlich falsch lag. Theoretisch gesehen kann man bei knappen Entscheidungen sowieso nicht viel falsch machen.

Rein spieltechnisch habe ich einen klaren Fold, demgegenüber stand ein kleines subtiles Zeichen von Unsicherheit, dass Kevin an einem Punkt in seiner (dennoch beeindruckenden) Table-Talk-Akrobatikzeigte und halt “so ein Gefühl, dass etwas faul ist”.

Es bleibt aber das Gefühl zurück, dass ich vermutlich nach seinem kleinen Ausrutscher intuitiv die “richtige” Entscheidung getroffen hätte, wenn ich nicht schon 15 Stunden am Spielen gewesen wäre. Das bringt mich zu einem der Gründe, warum ich von so vielen interessanten Händen, die ich in den letzten Tagen gespielt habe, ausgerechnet über diese geschrieben habe:

Note to myself: Halt Dich endlich an deine eigenen verdammten Regeln und spiel nicht stundenlang an einem Tisch mit nur starken Regulars, schon gar nicht, wenn Du nicht ausgeschlafen bist. Niemand kann unter diesen Umständen mehr als einen kleinen Vorteil haben, deepstacked vielleicht, aber erst recht nicht mit einem Short Stack am Tisch (der zu wissen scheint, was er tut).

Der Tisch brach dann auch ca.2h später zusammen, ohne dass noch viel Nennenswertes passierte.

Was solls, unseren Spass hatten wir trotzdem!

Nice Hand, Kevin! 

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