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/Sep/2008

WSOP 2008 Main Event Teil 2

Von: shootingstars @ 22:42 (CEST) / 1 / Kommentar ( 106 )

Die Tischauslosung für Day 2 brachte mich an einen weniger vorteilhaften Tisch als denjenigen vom ersten Tag. Ich erkannte zwar nur  Seat 1, einen starken schwedischen Onlinespieler, gegen den ich schon einige Male auf den europäischen Seiten gespielt hatte (wobei er nicht wissen konnte, dass ich das war), aber auch alle übrigen Spieler, davon (leider) mehrere Shortstacks, machten einen professionellen, ambitionierten Eindruck. Ich hatte zwar auch heute wieder mit ca. 112k den grössten Stack am Tisch und war hoffnugsvoll, meinen Chipcount im Verlaufe des Tages weiter ausbauen zu können, wusste jedoch auch, dass das Zuckerschlecken der zweiten Hälfte des ersten Tages vorbei war.

Bis Ende von Level 6 (dem ersten Level des zweiten Tages) hatte ich mit selektiver Agression und einem geflopptem Two Pair, aber nicht ultra-loose-agressivem Spiel wie am ersten Tag, meinen Stack auf ca. 150k vergrössert. Dann verlor ich jedoch einen relativ grossen Pot in einer Hand mit einem Set gegen eine Backdoorstraight, in der ich letztlich nicht umhin kam, angesichts von ca. 7:1 Odds (Pot war 6-way Preflop) eine kleine "Milking-Bet" meines Gegners am River auszubezahlen und war wieder auf ca. 125k.

In den nächsten ca. 60 Minuten bekam ich kaum spielbare Startkarten und sah, unter anderem angesichts der zwischenzeitlich fünf Shortstacks am Tisch, keine profitablen Spots. Gegen Ende von Level 7 ereignete sich dann die (für mich) entscheidende Hand des Turniers:

Blinds: 300/600, 75 Ante, Ich habe mit ca. 125k immer noch den grössten Stack am Tisch, 3 Spieler, unter anderem CO, mein Gegner in dieser Hand, haben Stacks im Bereich von 70 - 100k.

 
CO, ein recht vorsichtiger, aber (meiner auf den Händen, die ich bisher von ihm gesehen hatte, basierenden Einschätzung zu diesem Zeitpunkt nach...) solider Tournament Pro openraist auf 1,8k. Ich im BU reraise auf 6k. Er callt nach einigem Nachdenken.

Flop:    Pot: ca 13k

CO checkt, ich bette 7k. CO überlegt ungefähr 20 Sekunden und macht einen schwach aussehenden Check-Raise auf 18k. Er hat noch knapp 65k übrig

Ich bin mir, teilweise deswegen, weil auch seine nervöse und unsichere Körpersprache und -haltung deutlich zu signalisieren scheinen, dass er auf einen Fold von mir hofft (wobei ich mir sicher bin, dass dies kein Fake ist), sofort instinktiv sicher, dass er schwach ist. Meine erste Vermutung ist, dass mit einer Hand wie 88 bis JJ versucht, möglichst billig herauszufinden, "wo er steht" (ein typischer Move für Spieler seines Kalibers, so wie ich ihn einschätze), oder einfach versucht, nach meiner 1/2 Pot-Bet, die man als schwache Continuation-Bet interpretieren könnte, den Pot zu klauen.

Ein Flushdraw ist noch  möglich, aber eher unwahrscheinlich, denn erstens gibt es davon nicht viele Handkombinationen, mit denen er meiner Einschätzung nach einen Reraise out of Position callen würde. (hätte er ausserdem möglicherweise Preflop nochmals gereraist/gepusht) , , , und evtl. ein paar mittlere suited Connectors sind zwar denkbar, aber meines Erachtens unwahrscheinlich, denn zweitens würde er wahrscheinlich mit einem Flushdraw (zu Recht)  nicht riskieren wollen, sich aus dem Pot pushen zu lassen (allenfalls würde er noch all-in check-raisen, um wenigstens noch seine Chancen auf einen Fold von mir zu maximieren, wenn er schon bluffen will).

Wenn ich ihn all-in setze, bekommt er ca 1,8:1 Odds für einen Call (ich erinnere mich nicht mehr ganz genau an die exakten Beträge, weiss aber mit Sicherheit noch, dass er 1,8:1 Odds für einen Call bekam), wohl kaum gut genug, um mit einem Flushdraw sein ganzes Turnier zu riskieren, stelle ich noch fest, obwohl ich, wie gesagt ein Flushdraw ohnehin für unwahrscheinlich halte.

55 (kombinatorisch sehr unwahrscheinlich und er hätte vermutlich Preflop gefoldet) und QQ (hätte er wahrscheinlich Preflop gereraist/gepusht) sind extrem unwahrscheinlich, also bleiben kaum noch Hände, mit denen er callen kann. AQ und evtl noch schwächere Queens sind möglich (und ich schätze, AQ würde ich vermutlich knapp nicht zum Folden bringen können, aber das ist vermutlich die einzige Hand), aber selbst mit einem Paar Damen schlägt er hier nur einen Bluff und das ist auch für ihn offensichtlich, daher pushe ich all-in.

Als mein Gegner frustriert auf den Tisch puncht, zu lamentieren beginnt und seine Karten in die Hand nimmt, bin ich zunächst beruhigt. "Kein Problem, denk ruhig noch etwas nach, oder mach noch etwas Show, bevor Du foldest, nur zu, damit hab'ich kein Problem, solange Du nur foldest... " sage ich (still) zu mir.

Er denkt und denkt. Scheinbar eine Ewigkeit. Schliesslich fordert er den Dealer auf, genau den Pot zu zählen. Da schwant mir, dass er vielleicht doch ein Flushdraw haben könnte und ich rechne selbst nochmals die Odds nach, die er für einen Call bekommt. Zum Glück hatte ich mich nicht geirrt, ca. 1,8:1. Nein, das kann er auf keinen Fall callen...

Nachdem der Dealer schliesslich (ziemlich umständlich) den genauen Betrag festgestellt hatte, denkt mein Gegner nochmals nach. Ich bin etwas verunsichert, er wird doch wohl nicht etwa...

 Nach einigem Überlegen scheint er seint er seine Entscheidung schliesslich getroffen zu haben. Mit einem etwas enttäuschten Gesichtsausdruck und einer resignierenden Geste, macht er klare Anstalten zu folden. "Phew, nochmal gut gegangen" denke ich mir, beruhigt, dass er nun, endlich, nachdem ich ca. vier Minuten da gesessen und seinen Entscheidungsprozess beobachtet hatte, seine Hand wegwerfen würde. "Aber das war knapp!"

Doch während er seine Karten, die er bereits, zum Folden entschlossen, wie es schien, noch in der Hand hält, steht er zu meinem grossen Entsetzten plötzlich auf und sagt  "Oooh, what the hell, whatever, nice hand, but I call!"

Desillusioniert wusste ich nichts Besseres mehr dazu zu sagen als ein kleinlautes "Good Call..."

Mit einem schmerzverzerrt aussehenden Lächeln schüttelt er den Kopf und antwortet: "NO!" und dreht um.

Was er noch nicht weiss: Er hat die beste Hand, denn ich war mit auf einem kompletten Bluff!

Kennt Ihr die Hand, in der Jennifer Tilly gegen Patrik Antonius, der bisher keine besondere Stärke gezeigt hatte, am River (oder sogar an Turn und River? Ich weiss es nicht mehr genau) mit einem Full House hinterher checkt mit dem Kommentar "I thought you had pocket kings" und Phil Ivey vor Verblüffung beinahe die Augen aus dem Kopf fallen, als er Jennifer's Hand sieht?

Ungefähr so wie Phil Ivey sah mein Gegner aus, als ich meine Hand umdrehte, einen Moment lang sah es wirklich beinahe so aus, als würde er in Ohnmacht zu fallen, als er realisierte, dass er in Wirklichkeit klar vorne lag.

Während er so lange überlegt hatte und ich ahnte, dass er mit einem Flushdraw über die Pot-Odds nachdachte, hatte ich noch die Hoffnung, dass ich selbst im allerschlimmsten Fall (d.h. wenn er a) wirklich einen Flushdraw hat und b) tatsächlich callt) möglicherweise gegen einen niedrigeren Flushdraw als 10-high immerhin einen knappen Coinflip hätte. Doch leider war zu allem Elend noch die für mich so ziemlich ungünstigste Hand, die er von allen Flushdraws haben konnte und ich hatte nur noch ca. 7% Equity.

Als am Turn sein Flush ankam, war damit mein Stack auf ca. 40k geschrumpft. Nachdem ich drei Hände später mit KK gegen AA nochmals einige Chips verloren hatte, war ich, nun selbst als Shortstack, aber dennoch natürlich bestrebt, das beste aus der Situation zu machen und optimal weiter zu spielen, gezwungen auf eine "Push or Fold" - Strategie umzustellen und konnte ca. 1 Stunde lang keine Hand mehr spielen.

Ich bustete schliesslich, als ich in Level 8 mit am BU open-pushte und vom BB mit gecallt wurde.

Ich wollte diese Hand zuerst fast nicht posten (und nicht so ausführlich vom Main Event berichten), aber keineswegs, weil ein grösserer Move von mir daneben ging. Ab und zu gehen sie schief, das war schon immer so und wird immer so sein; egal wie gut durchdacht, spieltheoretisch stark und +EV (oder schlecht durchdacht, spieltheoretisch schwach und -EV) ein Move ist, in jeder spezifischen Situation liegt es letzlich immer beim Gegner, ob der Move kurzfristig klappt oder nicht. Und wer bisher meinen Blog gelesen hat weiss ja, dass ich keine Probleme damit habe, Hände zu erwähnen, die ich verloren habe (oder Hände, in denen ich das Board nicht lesen konnte... )

Der Grund besteht mehr darin, dass ich nicht umhin komme, das Spiel meines Gegners zu kommentieren und ich kritisiere grundsätzlich eher ungern das Spiel eines Gegners, der in einer entscheidenden Hand einen grossen Bluff von mir gecallt hat, weil man damit oft tendenziell ein wenig als schlechter Verlierer dasteht.

Dennoch ist sein Call meiner Meinung nach unter normalen Umständen ein klarer Fehler (es sei denn, er geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf einem kompletten Bluff bin, sehr gross ist (dazu hatte er keinen Anlass) und/oder er hat einen enorm guten Read (praktisch unmöglich)), denn er hat niemals viel mehr als knapp genügend Equity für einen Call und manchmal viel weniger. Ausserdem, und das ist der entscheidende Faktor, handelt es sich hier um ein Turnier. In einem Cashgame mag die Entscheidung ja noch knapp sein, doch hier riskiert mein Gegner, ohne Not mit einem überdurchschnittlichen Stack, sein ganzes Turnier mit einem marginalen Flushdraw.

Was solls, er hat gecallt - more power to him. Ich gönne es ihm insofern, dass er ein ganz netter Kerl war. Und manchmal gehen sie halt daneben, so ist das halt.

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