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/Nov/2008

Die "Todeszone" im Turnier

Von: team-de @ 21:38 (CET) / 6973 / Kommentar ( 146 )

Nein, es geht nicht um die überfüllten Toiletten bei der WSOP. Als Todeszone bezeichnet Daniel Harrington eine Stackgröße von weniger als Blinds + Antes für eine Runde ("Harrington on Hold'em, Volume II", Seite 130f). Wenn man nur noch so wenige Chips hat, steckt man natürlich in Schwierigkeiten und braucht eine Menge Glück, um in dem Turnier noch erheblich weiterzukommen. Trotzdem ist die Situation nicht vollkommen hoffnungslos. Viele Spieler glauben aber, mit einem winzigen Stack könne man nichts machen, außer vor dem Flop all-in zu gehen und das Beste zu hoffen. Das stimmt zwar, aber es ist entscheidend in der wenigen einem noch verbleibenden Zeit den richtigen Moment abzupassen.

Zunächst einmal gibt es zwei Möglichkeiten, wie man in die Todeszone geraten kann: Entweder man spielt wenige Hände, die Blinds steigen und irgendwann hat man kaum noch etwas übrig oder man verliert ein All-in gegen jemanden, der etwas weniger Chips hat als man selbst. Ersteres sollte man unbedingt vermeiden. Wird der eigene Stack klein und die Blinds groß, sollte man so aggressiv spielen, dass man entweder seine Chips wieder vermehrt oder ausscheidet. Einen großes All-in zu verlieren, bei dem noch ein paar Chips verbleiben, ist aber nicht immer zu vermeiden. Angenommen, wir spielen das Sunday Warmup auf PokerStars ($200 Buy-in + Fee, 10.000 Startchips). Zunächst läuft es gut und wir bauen unseren Stack auf 50.000 Chips aus und liegen damit im Durchschnitt der verbleibenden Spieler. Die Blinds steigen auf 1.500/3.000 mit 300er-Ante. Nun bekommen wir in Small Blind, bekommen unsere Chips preflop all-in gegen den Button, der 45.000 Chips hält. Wir kassieren einen Suck-out, verlieren die Hand und stehen mit 5.000 Chips da. Das ist natürlich frustrierend und die Turniersituation hat sich stark verschlechtert. Aber: Uns verbleiben 5.000 Chips, das ist immerhin halb so viel wie wir am Anfang hatten. Außerdem haben wir in der nächsten Hand den Button und Shortstacks sind pro Chip in Turnieren mehr Wert als Bigstacks (doppelt so viele Chips sind in erwartetem Preisgeld nicht doppelt soviel Wert). Der verbleibende Stack ist also noch deutlich mehr als $100 wert. Die meisten Spieler drücken in der nächsten Hand frustiert den All-in-Button, selbst wenn sie bekommen, weil sie "sowieso eine Menge Glück brauchen". So wird der Reststack achtlos vergeudet, obwohl es Möglichkeiten gibt, seine Chance auch in dieser Situation zu maximieren. Einige wichtige Konzepte möchte ich jetzt vorstellen.

Strategien mit einem winzigen Stack von zwei BB oder weniger:

1. Blinds stehlen ist zwecklos
Normalerweise ist es extrem wichtig, mit einem kleinen Stack sehr aggressiv die Blinds anzugreifen. Aber nicht, wenn man so wenige Chips hat, dass der Big Blind sowieso nicht passen wird.

2. Im Big Blind niemals folden
Man muss als Big Blind einen Großteil seines winzigen Stacks schon vor dem Beginn der Hand setzen (in dem Beispiel von oben 3.300 der verbliebenen 5.000 Chips). Dann kann man nicht mehr folden, egal wie schlecht die eigene Hand ist. Selbst gegen einen Raise aus früher Position und wenn man selbst hält, sind die Odds so gut, dass man mitgehen muss.

3. Keine unüberlegten Aktionen under-the-gun machen und keine Angst haben, den Big Blind zu setzen
Was passiert, wenn man den Big Blind setzen muss? Man gerät fast automatisch in eine All-in-Situation gegen eine überdurchschnittliche Hand, während man selbst eine zufällige Hand hat (das ist die Prognose vor der Hand. Sobald diese begonnen hat, weiß man natürlich, was man hält. Das nützt einem widerum gar nichts, weil man ja sowieso callen muss). Das ist schlecht. Aber noch viel schlechter ist es, einfach under-the-gun mit einer schwachen Hand all-in zu gehen. Dann hat man nämlich mit Sicherheit eine schlechte Hand und wird ebenfalls gecallt. Passt man und geht als Big Blind all-in, hat man noch eine Chance auf eine gute Hand. Und selbst wenn man verdoppelt, muss man in der nächsten Hand den Big Blind posten.

4. Ausschau halten nach Squeeze-Plays und Situationen mit guten Odds
Angenommen, wir bekommen in dem Beispiel von oben in der nächsten Hand auf dem Button . Vier Spieler callen und der Cut-off macht einen großen Raise auf 30.000. Wir können uns sehr sicher sein, hinten zu liegen, selbst wenn der Gegner eine recht schwache Hand hält - gegen was ist 6-hoch schon vorn? Das bedeutet aber nicht, dass wir unbedingt passen müssen! Falls alle anderen Gegner passen, liegen 25.600 Chips im Pot (unsere 5.000 + 5.000 vom Gegner + 3 x 3.000 von den Callern + 4.500 Blinds + 2.100 Antes von den anderen sieben Spielern). Wir haben also die Chance zu verfünffachen - gegen nur einen Gegner. Hätten vor uns alle gepasst und wir würden all-in gehen und nur vom Big Blind gecallt werden, wären nur 13.600 Chips im Pot (jeweils 5.000 von uns und vom Big Blind + 1.500 Small Blind + 2.100 Antes von den anderen Spielern). Deshalb sollte man gegen den Raise all-in gehen. Hätten alle Gegner vor einem gepasst, wäre es hingegen besser, ebenfalls zu folden. Die Strategie, die man mit einem größeren Stack verfolgen würde, ist also vollkommen auf den Kopf gestellt.

Es ist also nicht so einfach, einen winzigen Stack gut zu spielen, und es ist ganz und gar nicht unwichtig. In Pokerbüchern wird dieser Situation leider viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die einzige Ausnahme, die ich kenne ist "Sit'n Go Strategy" von Collin Moshman. Er widmet dem Thema immerhin sechs Seiten (175 bis 181), die ich inhaltlich sehr gut finde.

Gebracht wurde ich auf das Thema von Golddiebelm, der in meiner Berichterstattung  vom Sunday Warmup am letzten Sonntag einen Gegner beobachtet hat, der zunächst fast seinen gesamten Stack verloren hat und sich dann wieder hochgekämpft hat. Zum Abschluss möchte ich noch die Fragen von Golddiebelm beantworten.

1. Wie kann es dem Spieler gelingen, sich erneut ins Spiel zu bringen?
Die in diesem Blogeintrag beschriebenen Strategien sind wichtig. Zusätzlich braucht man aber auch einfach sehr viel Glück.

2. Wird dieser Spieler in der Regel unterschätzt oder gar belächelt mit dem Mini-Stack?
Nein, jedenfalls nicht, wenn er einfach in einem großen Pot Pech gehabt hat. Falls er extrem tight spielt und deshalb einen so kleinen Stack hat, möglicherweise schon.

3. Verfolgt man als Profi die Entwicklung und fragt sich vielleicht, ob man es hätte verhindern könnnen, oder registriert man dies nur als unvermeidlich?
Verfolgen schon, aber ich frage mich nicht, ob ich es hätte verhindern können. Vor allem dann nicht, wenn noch viele Spieler im Turnier sind. Wenn ich im Big Blind bin oder eine gute Hand halte, calle ich den winzigen Stack natürlich. Ob er wieder in das Turnier zurückfindet oder ausscheidet, ist für mich ansonsten nicht wichtig.

4. Wie verhält sich der erfahrene Spieler bei einer Konfrontation mit diesem Spieler? Zum Beispiel: "Boah, hat der Glück, ich muss auf der Hut sein" oder behandelt man ihn eher "like a maniac"?
Ich gehe davon aus, dass er möglicherweise auch mit sehr schwachen Händen all-in geht und calle entsprechend loose. Vorsichtig bin ich allerdings, wenn hinter mir noch mehrere Spieler mit größeren Stacks sitzen, die möglicherweise einen Reraise machen.

5. Ist man im Spiel nachhaltig beeindruckt von der Aufholralley und beeinflusst so etwas das eigene Spiel in Bezug auf Aggressivität oder Emotion?
Nein. Ich spiele gegen jemanden, der sich zurückgekämpft hat nicht anders als gegen jeden anderen Gegner (es sei denn, ich habe andere Informationen über ihn). Nachhaltig beeindruckt bin ich eher nicht. Ich weiß auch, dass auf jeden Fall sehr viel Glück im Spiel war.

Übrigens hatte Sammy Farha beim WSOP Main Event 2003 an einem Zeitpunkt nur noch 1.000 Chips übrig. Das Turnier beendete er als Zweiter hinter Chris Moneymaker und gewann $1.300.000. Spielt also intelligent, auch mit kleinem Stack!

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