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Mit Poker Geld verdienen? - Warum Verlieren beim Poker dazugehört

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Mit Poker Geld verdienen? - Warum Verlieren beim Poker dazugehört - 19-01-2009, 16:42
(#1)
Benutzerbild von Wespe59
Since: Jan 2008
Posts: 62
Ein paar Denkanstöße für Einsteiger (Diskussion erwünscht)

Du hast also beschlossen, mit Poker Geld zu verdienen?

Fein, aber mach dich auf etwas gefasst! Auf deinen ersten Schritten wirst du ganz schön durchgeschüttelt werden. An einem Tag wirst du mit satten Gewinnen nach Hause gehen. Am nächsten wirst du kein hohes Paar heil über den River retten können. Einmal wirst du denken, du hättest das Prinzip des Pokerspiels begriffen. Beim nächsten Mal wirst du das Gefühl haben, du machst alles falsch. Gut, wenn du mit kleinen Einsätzen anfängst, dann fliegt dir nicht gleich deine ganze Kasse um die Ohren.

Wie oft lese ich in Anfängerforen, dass die von den Experten empfohlene Strategie nichts taugt. Schließlich hat man schon ein paar hundert Hände gespielt, und es klappt einfach nicht. Lass dir sagen: ob du nach 1.000 Händen plus oder minus gemacht hast, liegt wahrscheinlich gar nicht an deinem Können. (Wenn du dich allerdings nicht an die Empfehlungen von Intellipoker hältst, wirst du mit viel größerer Wahrscheinlichkeit draufzahlen!)

Woran liegt das? Die Mathematiker – Poker ist unter anderem angewandte Mathematik – nennen das Varianz. Man kann auch sagen: Glück oder Pech. Ein drastisches Beispiel, das ich vor kurzem erlebt habe: ich sitze in einer Fixed Limit-Runde und halte QQ. Zwei loose Gegner haben ihr Geld ebenso wie ich in den Pot geschaufelt, der 21 Big Bets stark ist. Auf dem Board liegen 9QA9. Auf dem River kommt die 8. Ich setze, der erste erhöht, der zweite reraist. Fold kommt in dem Riesenpot nicht in Frage. Ich raise auf das Maximum, 33 Big Bets im Pot. Villain 1 zeigt JT. Aber was hat der zweite? Zu seinem Spiel passt 99 ebenso gut wie A9, weniger AA, wo ein vernünftiger Spieler schon vor dem Flop das Maximum gesetzt hätte. Er deckt A9 auf, ich sammele die Kohle ein. In diesem Fall war das Glück. Die 33 Big Bets machen sich in meiner Monatsbilanz prima.

Wenn du im Fixed Limit auf 100 Hände zwei big blinds, also eine Big Bet im Durchschnitt Gewinn machst, dann bist du gut drauf. Die doppelte Win Rate ist exzellent. Du musst ja immer von deinen Gewinnen auch noch den Rake für die Pokersite aufbringen. Das können im Fixed Limit short handed schnell mal 3 Big Bets auf 100 Hände sein.

Im No Limit liegt die mögliche Gewinnrate in big blinds rechnerisch etwas höher. Da du aber mehr Kapital brauchst, um dich an einen No Limit Tisch zu setzen, ist das Verhältnis von Gewinn zu dem eingesetzten Risiko in etwa vergleichbar.

Dieser eine Pot konnte mir also rechnerisch den Schnitt für 3.300 Hände retten oder versauen. Im Normalfall ist der Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren nicht ganz so krass, aber immer noch groß genug. Die Statistiker haben dafür eine Messgröße, die man Standardabweichung nennt. Meine Software rechnet mir aus, dass ich an meinen Fixed Limit-Tischen eine Standardabweichung von ca. 16,5 Big Bets (33 big blinds) auf 100 Hände habe.

Was bedeutet das? Wenn ich mir als Ziel einen Gewinn von 2 big blinds auf 100 Hände setze, dann kann mein tatsächliches Ergebnis in 68% der Fälle zwischen -31 und +35 liegen. In weiteren 28% ist die Spanne doppelt so groß, nämlich zwischen -64 und +68. Und dann bleiben immer noch 4% übrig, wo die Schwankungen noch größer sind. Dieser Fall tritt also auf 10.000 Hände statistisch gesehen auch noch 4 mal ein.

Nun verstehst du vielleicht, dass dein Ergebnis auf wenigen Tausend Händen gar nichts darüber aussagt, ob du die richtige Strategie anwendest (und diese auch beherrschst). Du weißt einfach nicht, ob dich zurzeit das positive oder das negative Ende der Varianz erwischt. Auf sehr lange Sicht (um 100.000 Hände oder mehr) gleichen sich aber Glück und Pech aus. Wenn ich also meinen Monsterpot von vorhin einige Male nachspiele, wird der Gegner etliche Male auch AA oder 99 halten. Es gibt übrigens Programme wie Pokerstove, die die Chancen in solchen Spielen nachrechnen.

Du brauchst also sehr viel Kapital, um die Schwankungen auszugleichen. Der Gewinn, den du im Durchschnitt erzielen kannst, ist im Verhältnis dazu eher klein. Man kann ohne weiteres in 10.000 Händen um 1.400 big blinds aufsteigen und in den nächsten 10.000 Händen um 1.000 big blinds herunterfallen. Das macht dann immer noch eine Win Rate von 2 bb/100. Deswegen musst du dich unbedingt an die Empfehlungen zum Bankroll-Management halten.

Du musst am Pokertisch eine Vielzahl richtiger Entscheidungen treffen, damit du am Ende langfristig zu den Gewinnern zählst. Im No Limit ist das leicht einzusehen, weil du öfter um deinen ganzen Stack spielst. Im Fixed Limit ist es aber genauso wichtig. Dort hast du viel häufiger Gelegenheit, ein- und denselben Fehler immer wieder zu begehen. Das wird dann umso sicherer kostspielig werden.

Die richtigen Entscheidungen können dir trotzdem kurz- und mittelfristig Verluste einbringen, genau wie du mit den falschen Entscheidungen trotzdem erst einmal gewinnen kannst. Wenn du mit 72 preflop all in gehst, kannst du ja immerhin auch 2-Pair oder einen Drilling treffen. Aber auf lange Sicht setzt sich die Qualität deines Spiels durch, so oder so. Derjenige, der weniger Fehler macht als seine Gegner, gewinnt.

Du musst die Theorie gut verstehen, damit du dein Spiel beurteilen kannst. Nicht das Ergebnis der einen Hand zählt, sondern ob du sie richtig gespielt hast. Weil du das aber am Tisch so schnell gar nicht analysieren kannst, musst du hinterher deine Hand History aufmachen und nachprüfen. Dabei hilft es besonders, wenn du deine Hände in einem Forum zur Diskussion stellst und die Meinungen anderer Spieler einholst.

Du musst viel Disziplin aufbringen, um auch dann noch die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn du gerade verlierst. Aber auch eine Glückssträhne birgt Gefahren. Wenn du denkst, du könntest dir alles leisten, geht das nur eine Weile gut. Wenn du dann mit grenzenlosem Optimismus weiterspielst, wandert das Geld genauso schnell wieder in die Taschen deiner Gegner.

Gerade die psychische Belastung durch Poker wird oft unterschätzt. Dabei ist Poker nicht nur angewandte Mathematik sondern auch ein Psychokrieg. Ich empfehle sehr, das Pokern NICHT zum Lebensmittelpunkt zu machen. Es sollte auch nur eine Freizeitbeschäftigung von mehreren sein. Ich möchte nicht von den Spielkarten abhängig sein. Erst mit viel Erfahrung im Rücken kannst du dir die Frage stellen, ob Poker für dich mehr sein kann.

Du hast also beschlossen, mit Poker Geld zu verdienen?

Fein, aber mach dich auf etwas gefasst. Geschenkt wird es dir jedenfalls nicht.

Geändert von Wespe59 (19-01-2009 um 16:49 Uhr).
 
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19-01-2009, 18:14
(#2)
Benutzerbild von Waldkauz
Since: Mar 2008
Posts: 1.015
Ein sehr schöner Beitrag, Wespe! Bitte weiter so.

Aber ist das ganze nicht besser im Ausbildungsteil aufgehoben?
Ein wichtiges Thema, das viele mit Sicherheit noch nicht so richtig verstanden haben.
 
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19-01-2009, 18:17
(#3)
Benutzerbild von Vigil
Since: Oct 2007
Posts: 662
Sehr schön geschrieben und in Form gebracht! Sollte dem ein oder anderen Anfänger helfen können. Eventuell auch Fortgeschritteneren.
Danke für die Mühe, das mal kurz und knackig, sowie verständlich auf den Punkt gebracht zu haben.

Gruß Vigi
 
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Thumbs up
19-01-2009, 18:24
(#4)
Benutzerbild von Blindchecka
Since: Nov 2007
Posts: 26
sehr guter beitrag, generell nichts neues aber vor allem für weniger erfahrene spieler ganz lehrreich...es ist einfach total wichtig zu begreifen, dass sich können erst nach mehreren 10K händen zeigt...

sehr schön, weiter so!

greez bC
 
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19-01-2009, 19:10
(#5)
Benutzerbild von Wespe59
Since: Jan 2008
Posts: 62
Zitat:
Zitat von Waldkauz Beitrag anzeigen
Aber ist das ganze nicht besser im Ausbildungsteil aufgehoben?
Ein wichtiges Thema, das viele mit Sicherheit noch nicht so richtig verstanden haben.
Ja, vielleicht kann man den Beitrag verschieben?
 
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19-01-2009, 19:11
(#6)
Benutzerbild von DiggerPlayer
Since: Nov 2007
Posts: 142
hervorragend! vor allem anfangs- und schlussbemerkung gefallen mir ausgesprochen gut, aber die mitte verdeutlicht alles prima =)
 
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19-01-2009, 20:14
(#7)
Benutzerbild von beefcake285
Since: Jan 2009
Posts: 184
Klasse Artikel!

Wie kann man Standardabweichung und Varianz ausrechnen? Mit welchem Programm geht das?
 
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19-01-2009, 20:28
(#8)
Benutzerbild von Tzare
Since: Apr 2008
Posts: 1.119
Jeder tracker kann das anzeigen ...
 
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19-01-2009, 20:58
(#9)
Benutzerbild von gregore300
Since: Jan 2009
Posts: 1
sehr guter artikel!

aber mich würde echt ma interessieren wann die "pro's" gemerkt haben dass sie mit poker ihr geld verdienen können^^?!
 
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19-01-2009, 21:19
(#10)
Benutzerbild von timo6000
Since: Jan 2009
Posts: 114
WhiteStar
Zitat:
Zitat von gregore300 Beitrag anzeigen
sehr guter artikel!

aber mich würde echt ma interessieren wann die "pro's" gemerkt haben dass sie mit poker ihr geld verdienen können^^?!
Na das merkt man doch ziemlich schnell.

Wenn man mal 10.000 Hände auf einem Limit gespielt hat und gut im Plus ist dann ist das schon ein Indiz.

Und wenn ein guter Spieler mit 5 Stunden Pokern am Tag 10.000€ im Monat verdient, während er in seinem "normalen" Job nur 2.500 brutto bekommen würde dann kann ich schon verstehen dass manche sich für Poker entscheiden.

Ist jetzt ziemlich off-topic, sorry dafür.

Sehr gut geschrieben der Originalpost, wie auch deine anderen posts hier.

Danke dafür Wespe59